Zur pädagogischen Seite von Generationenbeziehungen
Sondierungen aus erziehungswissenschaftlicher Sicht
Im Verhältnis der Generationen werden Fragen der Weitergabe, der Tradierung und der zukünftigen Welt in spezifischer Weise thematisch. Aus einer pädagogischen Sicht gehen diese Fragen mit Verantwortung einher – sowohl für die kommenden Generationen als auch für die bestehende Welt. Zugleich müssen diese Fragen mit der Ungewissheit von Zukunft einen Umgang finden.
Generationenbeziehungen scheinen in einem sehr allgemeinen Sinne eine universelle Tatsache darzustellen, will man sie auf einen vermeintlich natürlichen Zusammenhang von Geburt, Aufwachsen und Sterben engführen. Dass diese Konstellation von Tradierung und Weitergabe jedoch nicht zwingend im Lichte einer familialen oder gar pädagogischen Beziehung Gestalt annimmt, zeigt sich im historischen Vergleich ebenso wie im Blick auf die global höchst different ausgestalteten Beziehungsformen von Familialität und Nachkommenschaft.
In diesem Beitrag geht es ausdrücklich um die pädagogische Dimension des Generationenverhältnisses (Jergus 2024a), die erst seit ca. 250 Jahren mit dem Aufkommen der bürgerlichen Moderne im Horizont einer auf Freiheitlichkeit und Zukunft hin orientierten Gestaltung sozialer Verhältnisse ihre heutige Bedeutung gewinnt. Dies soll zunächst in knappen Strichen nachgezeichnet werden, ehe im Anschluss daran einige ausgewählte Problemstellungen in pädagogischen Generationenbeziehungen zur Diskussion kommen. Mit einem kurzen Ausblick werden die Gedanken gebündelt.
Die pädagogische Dimension des generationalen Verhältnisses
Welche Gestalt moderne Erziehungsverhältnisse als generationale Konstellation annehmen, bringt Hannah Arendt (1958/2012) in ihrem Vortrag zur „Krise der Erziehung“ besonders prägnant zum Ausdruck. Ausgehend von der Tatsache der fortwährenden Ankunft von Neulingen in der Welt – der Tatsache der Natalität – stellt Arendt heraus, dass angesichts des Neuen in der Welt bestehende Ordnungen fraglich werden. Denn im Erfordernis der Weitergabe stellen sich Fragen nach der Legitimität, Begründbarkeit, Haltbarkeit und Reichweite der überkommenen Ordnungen ebenso dringlich wie unausweichlich. Erziehung stellt sich aus dieser Warte heraus als Antwort auf den Neuanfang dar. Die Bewohner*innen der Welt – sinnbildlich und zumeist in pädagogischen Beziehungen: die Erwachsenen – sind Teil des Bestehenden, sie stehen in dieser Ordnung. Die Neuankömmlinge hingegen – sinnbildlich gesprochen und zumeist in pädagogischen Beziehungen dann: die Neugeborenen und also Kinder und Jugendliche – befinden sich im Werden.
Die solchermaßen als generationale Konstellation zu verstehende pädagogische Beziehung ist daher in zweifacher Weise von Ungewissheit gekennzeichnet: über das Werden der Heranwachsenden besteht ebenso wenig Gewissheit wie über deren zukünftige Welt, die von den jetzigen…
Weiterlesen mit JOURNAL+
Die Autorin
Kerstin Jergus ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Sie lehrt und forscht zu Theorie und Geschichte der Pädagogik in Verbindung mit kulturwissenschaftlichen Zugängen der Bidlungsforschung, u. a. zu Themen wie Pädagogische Beziehungen, Sexualität, Kritik und Universität. Aktuell leitet sie gemeinsam mit Melanie Schmidt (Universität Halle) das DFG-Forschungsprojekt „Politische Subjektivierungen Jugendlicher zwischen Bildung und Protest“.