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„Verfassungsschutz dürfen wir nicht dem Staat überlassen.“

Zur Entstehung, Entwicklung und Gegenwart der Amadeu Antonio Stiftung

Die Amadeu Antonio Stiftung gehört zu den prägenden zivilgesellschaftlichen Organisationen im Kampf gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland. Ihre Geschichte beginnt in den 1990er Jahren – in einer Zeit massiver rechter Gewalt – und führt bis in eine Gegenwart, in der demokratische Zivilgesellschaft selbst zunehmend unter Druck steht. Timo Reinfrank, geschäftsführender Vorstand der Stiftung, blickt zurück und nach vorn.


JOURNAL: Lieber Herr Reinfrank, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein gemeinsames Interview nehmen. Zunächst einmal würden wir gern von Ihnen wissen: Welche gesellschaftlichen Umstände und konkreten Erfahrungen führten zur Gründung der Amadeu Antonio Stiftung?

Reinfrank: Die Stiftung ist ein Produkt der 1990er Jahre – einer Zeit, in der rassistische Gewalt alltäglich war und gleichzeitig gesellschaftlich bagatellisiert wurde. Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen – das waren keine Ausnahmen, sondern Symptome einer Welle von Nationalismus, Rechtsextremismus und Rassismus. Der Mord an Amadeu Antonio 1990 in Eberswalde steht exemplarisch für diese Phase: Ein Mensch wird aus rassistischen Motiven getötet, und Staat wie Gesellschaft reagieren hilflos, teilweise gleichgültig. Sogar die Polizei war damals in Zivil vor Ort und hat zugeschaut.

JOURNAL: Welche Leerstellen sollten damals geschlossen werden?

Reinfrank:  Es fehlte fast alles: Unterstützung für Betroffene, klare politische Benennung rechter Gewalt, aber auch nachhaltige zivilgesellschaftliche Strukturen. Betroffene wurden allein gelassen, Initiativen vor Ort arbeiteten unter hohem persönlichem Risiko. Die Stiftung wurde gegründet, um genau diese Leerstelle zu adressieren – mit einem klaren Fokus auf Betroffenenperspektiven und auf die Stärkung lokaler demokratischer Akteur*innen durch Ermutigung und Öffentlichkeitsarbeit, aber auch durch finanzielle Unterstützung.

JOURNAL: Wie haben Sie das zivilgesellschaftliche Engagement gegen „Rechts“ in den 1990er Jahren wahrgenommen?

Reinfrank:  Als hoch engagiert, aber extrem fragil. Vieles beruhte auf Ehrenamt, auf Mut und persönlicher Überzeugung. Wer sich engagierte, galt schnell als „linke Zecke“, „Nestbeschmutzer“ oder wurde selbst angefeindet. Gleichzeitig entstanden Netzwerke, Bündnisse und erste Beratungsstrukturen – oft gegen erheblichen Widerstand, auch aus der lokalen Politik.

JOURNAL: Mit welchen Widerständen, aber auch Unterstützungen hatte die Stiftung zu tun?

Reinfrank:  Widerstand kam nicht nur von Rechtsextremen, sondern auch aus der gesellschaftlichen Mitte: Abwehr, Verharmlosung, der Wunsch nach „Ruhe“. Unterstützung kam vor allem von Engagierten,…

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Der Interviewte

Timo Reinfrank ist Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung. Er hat in Berlin und Bonn Politik- und Sozialwissenschaften studiert. Er berät zivilgesellschaftliche Initiativen, Politik und Verwaltung in der Arbeit gegen Rechtsextremismus und für demokratische Kultur. Seit 2007 ist er Vorsitzender des Vereins für demokratische Kultur in Berlin e.V., seit 2010 einer der Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Demokratieentwicklung (BAGD) und seit 2012 Mitglied in der Koordinierungsgruppe der National Coalition für die Durchsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland. Zudem ist er im Vorstand der Bürgerstiftung Barnim-Uckermark tätig, sowie Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit“.