Solidarität und Gemeinschaft entstehen durch Begegnungen
Politische Bildung im Spannungsfeld zwischen Klimaschutz und Arbeitsplätzen
In einer Zeit der zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung werden Begegnungsräume, die speziell diejenigen zusammenbringen, die ansonsten nicht zusammenkommen, immer wichtiger. Aus diesem Grund veranstaltete die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie zusammen mit Next Economy Lab (NELA) Bildungswochenenden als Zukunftslabore. Hier kamen Umweltaktive und Gewerkschaftsmitglieder zusammen, um sich über ihre Perspektiven und ihre Werte auszutauschen und an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten.
Der Weg in eine Gesellschaft, die die Erderwärmung begrenzt und die Pariser Klimaziele einhält, ist in den letzten Monaten nicht einfacher geworden. Eine effektive Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen wird derzeit deutlich erschwert von der anhaltenden Rezession der deutschen Wirtschaft. Industrielle Standortverlagerungen aufgrund des globalen Wettbewerbs führen zu einem hohen Arbeitsplatzabbau, was sowohl die Wirtschaft wie auch Arbeitnehmende und auch die restliche Bevölkerung verunsichert.
Die Zustimmung zu mehr Klimaschutz ist in der Bevölkerung generell weiterhin vorhanden, aber eins scheint klar: wie schnell, was genau und mit welcher Konsequenz man klimapolitische Maßnahmen umsetzt – das sind alles Fragen, bei denen deutlich mehr Uneinigkeit herrscht. Die Bevölkerung macht sich Sorgen um ihre Arbeitsplätze, die Bezahlbarkeit der Lebenshaltungskosten und ihre Mitbestimmung in der Umsetzung des ökologischen Umbaus.
Die „Polarisierungsunternehmer“
Diese komplexen Gemengelage machen sich die sogenannten „Polarisierungsunternehmer“ zunutze: Sie polarisieren gezielt, um die Aufmerksamkeit für ihre eigenen Ziele zu stärken und schlagen Kapital, wenn unterschiedliche Interessen keine Kompromisse mehr finden (Mau 2024). Sie versuchen mit einer spaltenden Absicht das Denken in Gegensätzen im politischen Feld zu verankern. Und das wird auch beim Thema Klimaschutz durch rechtspopulistische Kräfte wie die AfD auch ausreichend getan (Pröschel u. a. 2026). Was dabei ins Stocken gerät, ist eine konstruktive Auseinandersetzung mit bestehenden Konflikten und eine gesellschaftliche Kompromissfindung, die auf der Fähigkeit basiert sich in das Gegenüber hineinzuversetzen und trotz etwaiger Differenzen Verständnis füreinander zu entwickeln – eine Grundvoraussetzung, um gegenseitige Solidarität zu zeigen.
Gemeinsam in Zukunftslaboren für sozialverträglichen Klimaschutz
Was können wir also tun gegen das zunehmende auch insbesondere medial erzeugte Polarisierungsfeuer von allen Seiten?
Eines ist klar: Wir brauchen an allererster Stelle Räume des Austausches und der Begegnung (Arendt 2002). Denn Hoffnung und Perspektiven für die Zukunft entstehen da, wo Hilflosigkeit durch die Suche nach gemeinsamen Lösungen begegnet wird. Und die politische Bildungsarbeit, in der sowohl Gewerkschaften traditionell stark aufgestellt sind als auch Umweltorganisationen ihre entsprechenden Strukturen haben, ist ein geeigneter Raum dafür.
Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) und das Next Economy Lab (NELA) brachten darum im Rahmen von Präsenzveranstaltungen an Wochenenden Umweltaktive aus der Klimagerechtigkeitsbewegung und Umweltorganisationen mit aktiven Gewerkschaftsmitgliedern der IGBCE zu der Frage „Klimaschutz oder Arbeitsplätze – müssen wir uns entscheiden?“ zusammen. Im Vordergrund stand dabei die gemeinsame Bearbeitung des Spannungsfelds zwischen der Erhaltung von Arbeitsplätzen und der Umsetzung von effizientem Klimaschutz sowie die gemeinsame Arbeit an konstruktiven Lösungen für die Zukunft. Finanziert wurde das Projekt vom Umweltbundesamt mit Mitteln des Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit.
„Wir brauchen Sozialräume, in denen Menschen, die sich im normalen Leben selten begegnen, zusammenkommen können und die bestehenden Konflikte um einen ökologischen Umbau abseits von medialen Feindbildern behandeln“, erklärt Tanja Brumbauer vom Next Economy Lab. „Wir gucken gemeinsam auf unser Bild von Nachhaltigkeit. Dann suchen wir danach, wie soziale und ökologische Kriterien Hand in Hand gehen können“, berichtet Oliver Venzke von der IGBCE weiter. „Ganz konkret geht es uns darum, dass die Teilnehmenden Organisationswerte und -ziele kennenlernen, ein gemeinsames Verständnis entwickeln wie ein ökologischer Umbau der Industrie aussehen kann und welche Möglichkeiten es zur Zusammenarbeit gibt“.
Methodisch baut die Konzeption eines Zukunftslabors auf der Zukunftswerkstatt nach Robert Jungk auf. Das Verfahren sieht vor, dass man zunächst negative Erfahrungen zum Thema offenlegt. Anschließend sammeln die Teilnehmer*innen Ideen – dabei bewusst auch utopische – und diskutieren die Möglichkeit ihrer Umsetzung.
Die Teilnehmenden – Gemeinsamkeiten
und Unterschiede
Die Teilnehmenden bestanden auf Gewerkschaftsseite aus aktiven Mitgliedern (teils mit betrieblichen Mandaten) aus den IGBCE Industrien und auf Umweltseite aus Engagierten aus ganz verschiedenen Bereichen – dies reichte von den For-Future-Bewegungen über lokale Urban Gardening Initiativen bis hin zu ehrenamtlichen Referent*innen der Umweltbildung.
Auch wenn es unter den Gewerkschafts- und Umweltaktiven natürlich jeweils ähnliche Tendenzen, Perspektiven und Positionen gab, zeigte die persönliche Begegnung, dass das Bild deutlich differenzierter ist und sich keine zwei geschlossenen „Lager“ gegenüberstanden. So gab es innerhalb beider Gruppen durchaus unterschiedliche Positionen; Faktoren wie Alter, Geschlecht oder beruflicher Hintergrund spielten ebenfalls eine wichtige Rolle und es wurden auch einige gruppenübergreifende Gemeinsamkeiten identifiziert.
Ein zentrales verbindendes Element war zum einen das gesellschaftliche Engagement der Teilnehmenden. Viele der gewerkschaftlich organisierten Teilnehmenden waren langjährig ehrenamtlich oder als Funktionär*innen in der Gewerkschaft aktiv, während sich die Umweltaktiven in unterschiedlichen Kontexten der Klima- und Umweltbewegung engagierten. Gleichzeitig zeigte sich auch hier eine hohe Vielfalt: So gab es Umweltaktive mit Erfahrungen in Betriebsratsarbeit sowie Gewerkschaftsmitglieder, die sich parteipolitisch oder in Energievereinen für Umweltthemen engagierten. Viele Teilnehmenden waren sich einig, dass sie gesellschaftliche Entwicklungen aktiv mitgestalten wollen, anstatt passiv zu bleiben.
Zum anderen gab es auch hinsichtlich der Motivation für die Teilnahme zahlreiche Gemeinsamkeiten. Häufig wurde die Sorge um nachfolgende Generationen genannt, insbesondere um die Frage, wie Kindern und Enkelkindern auch künftig ein lebenswertes Leben ermöglicht werden kann.
Damit verbunden war bei allen Beteiligten das grundlegende Verständnis, dass die Klimakrise eine reale Herausforderung darstellt und gesellschaftliches Handeln erforderlich ist – auch wenn die Vorstellungen darüber, welche Strategien sinnvoll oder realistisch sind, zum Teil deutlich auseinander gingen. Ebenso bestand ein grundlegender Konsens über demokratische Werte und den Wunsch nach einer friedlichen, demokratischen Gesellschaft.
Unterschiede traten vor allem in Sprache und Wissensformen deutlich hervor. Es wurde deutlich wie unterschiedlich politische und fachliche Sprachwelten ausgeprägt sein können – etwa zwischen stärker theoretisch-akademischen Zugängen und eher praxis- bzw. betriebsbezogenen Perspektiven. Es gab Situationen, in denen bestimmte Begriffe oder Konzepte zunächst nicht verstanden wurden. So wurde etwa deutlich, dass Begriffe wie „planetare Grenzen“ für einige Beteiligte erklärungsbedürftig waren. Umweltaktive argumentierten häufiger aus einer systemischen Sichtweise heraus, während Gewerkschaftsmitglieder stärker konkrete betriebliche Abläufe und technische Fragestellungen in den Blick nahmen. Diese Unterschiede erschwerten teilweise das gegenseitige Verständnis, eröffneten aber zugleich Lernprozesse.
Besonders sichtbar wurden die Unterschiede bei der Diskussion um gesellschaftliche Transformationsstrategien. Während hinsichtlich der Klimaziele häufig Einigkeit bestand, gingen die Meinungen darüber auseinander, wie weitreichend gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen sein sollten. Diskussionen über Eigentumsfragen, Vergesellschaftung oder weitreichende Eingriffe in wirtschaftliche Strukturen führten teilweise zu Unsicherheiten oder Überforderungsgefühlen, insbesondere wenn komplexe theoretische Konzepte auf konkrete (betriebliche) Erfahrungen trafen. Zugleich zeigte das Format, dass ein vertrauensvoller Raum es ermöglicht, solche Gefühle offen anzusprechen und gemeinsam zu reflektieren.
Erkenntnisse und Lernerfahrungen
für die politische Bildung
Aus den Erfahrungen der Zukunftswerkstatt lassen sich für die politische Bildung mehrere zentrale Erkenntnisse ableiten.
Zum einen zeigt das Format der Zukunftswerkstatt, wie zentral es ist, einen Begegnungsraum zu schaffen, in dem es Platz für Ängste und Sorgen gibt und ein wertschätzender Umgang vorherrscht. Teilnehmende aus der Kohlebranche betonten beispielsweise, dass sie ihre Arbeit über Jahrzehnte verantwortungsvoll ausgeübt hätten und sich nicht pauschal abgewertet fühlen wollten. Klimaaktivist*innen wiederum schilderten ihre Sorge um ihre Zukunft und wünschten sich Anerkennung für den zeitlichen Einsatz ihres Engagements. In solchen Momenten entstand häufig gegenseitiges Verständnis, das dazu beitrug, bestehende Distanz zu verringern.
Darüber hinaus zeigte sich, dass eine sensible Moderation solcher Räume notwendig ist, um mit unterschiedlichen Sprach- und Wissenswelten umzugehen. Entscheidend war dabei die Möglichkeit, offen nachfragen zu können und Unverständnis nicht als Schwäche wahrzunehmen. Auch Humor spielte im Verlauf der Gespräche eine wichtige Rolle, da er half, angespannte Situationen aufzulockern und Konflikte zu entschärfen.
Besonders bedeutsam beschrieben viele Teilnehmer*innen, dass ihnen die Zukunftswerkstatt ermöglicht hat vorher bestehende gegenseitige Stereotype abzubauen. Gewerkschaftlich organisierte Teilnehmende berichteten, überrascht gewesen zu sein von der Vielfalt innerhalb der Klima- und Umweltbewegung und davon, dass sich viele Aktivist*innen differenziert und reflektiert mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen. Umgekehrt entwickelten Klimaaktivist*innen ein stärkeres Verständnis dafür, welche Bedeutung berufliche Kontinuität, betriebliche Zugehörigkeit und industrielle Arbeit für viele Beschäftigte haben.
Insgesamt zeigte die Zukunftswerkstatt, dass solche Dialogformate emotional fordernd, zugleich aber ausgesprochen wertvoll sein können. Viele Teilnehmende beschrieben, dass sie im Verlauf des Prozesses unterschiedliche emotionale Phasen durchliefen und insbesondere Momente gegenseitiger Anerkennung und Wertschätzung als prägend empfanden.
Dabei wurde deutlich, dass Verständigung nicht zwangsläufig bedeutet, alle Differenzen aufzulösen. Vielmehr kann es bereits ein wichtiger Schritt sein, unterschiedliche Positionen stehen zu lassen, ohne den Dialog abzubrechen. Gerade das Verlassen der eigenen „Komfortzone“ wurde von vielen Beteiligten als anstrengend, aber zugleich als besonders bereichernd beschrieben.
Nach einem halben Jahr luden IGBCE und NELA die Teilnehmer*innen zu einer weiteren Videokonferenz ein, um zu schauen, wo weitere Kooperationen entstehen können. Erste Verknüpfungen sind schon auf dem Seminar entstanden: Zwei der Teilnehmer*innen bauen gemeinsam ein Balkonkraftwerk auf. Und eine Teilnehmerin möchte ihre Bachelorarbeit über die Gewerkschaftsarbeit schreiben.
Polarisierung wegen fehlender Kommunikation
In den sozialen Medien wird zumeist übereinander geschimpft, selten miteinander geredet. Der Aufregungseifer ist oft so stark, dass er echte Feindeslager entstehen lässt und Spaltung vorantreibt. Probleme nehmen überhand, Lösungen werden nicht mehr gesucht und gefunden.
Ganz anders kann hier die direkte Kommunikation miteinander wirken, weil die Reaktion des Gegenübers sofort gesehen und gespürt wird. Während ein übler Kommentar in Facebook schnell mal in die Tasten gehackt wird, überlegt man sich das bei einem direkten Gespräch zweimal. Und darauf zielen diese Zukunftslabore. „Es wird und darf emotional werden, wir sind schließlich Menschen! Aber gemeinsam in einem Raum konnten wir bisher immer Verständnis und Empathie trotz sehr unterschiedlicher Positionen z. B. zum Kohleabbau, Kunststoffproduktion, Klimaprotesten oder dem Erhalt von Waldgebieten finden,“ sagen Tanja und Oliver. Wenn der feste Wille da ist, gemeinsam Lösungen zu finden, kommen beeindruckende Ideen heraus. Es ist ein Erlebnis, diese „Geburt des Gemeinsamen“ mitzuerleben.
Literatur
Arendt, Hannah (2002): Vita activa oder Vom tätigen Leben.
8. Auflage. München.
Copernicus Climate Change Service (C3S)/World Meteorological Organization (WMO) (2026): European State of the Climate 2025. Hg. v. European Centre for Medium-Range Weather Forecasts (ECMWF). Online: https://climate.copernicus.eu/sites/default/files/custom-uploads/ESOTC-2025/ESOTC-2025-report.pdf (Zugriff: 1.6.2026).
Mau, Steffen (2024): „Was sind unsere Triggerpunkte?“. Interview von Jonas Mayer und Paul Hofmann. In: fluter.de, veröffentlicht am 17.6.2024 (Zugriff: 1.6.2026).
Mau, Steffen/Lux, Thomas/Westheuser, Linus (2023): Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft. Berlin.
Pröschel, Louisa/Brüggemann, Michael/Meyer, Hendrik (2026): „Disruptive Klimaproteste und die Polarisierung der Klimadebatte: Drei Erkenntnisse aus unseren Studien“. In: Climate Matters – Universität Hamburg. Hamburg.
Die Autorin
Tanja Brumbauer ist Gründerin und Partnerin des Next Economy Lab (Nela). Der gemeinnützige Verein begleitet Gewerkschaften, Kommunen und Unternehmen auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Wirtschaft. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind nachhaltiges und zukunftsfähiges Arbeiten sowie transformative berufliche Bildung. Außerdem ist sie ausgebildete Nachhaltigkeitsökonomin und Mitglied des Think Tank 30 des Club of Rome.
Der Autor
Oliver Venzke ist im Bezirk Hamburg/Harburg der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie u.a. für Bildungsarbeit und die Entwicklung von aktiven Mitgliedern zuständig. Zuvor war er Abteilungsleiter Bildung in der IGBCE-Hauptverwaltung und Mitglied des IGBCE- Kompetenzzentrums Bildung.