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Solidarität und Empowerment als Leitbegriffe für eine rassismuskritische politische Jugendbildung

Jedes Jahr am 19. Februar erinnern Menschen in ganz Deutschland an die Opfer des rassistischen Anschlags von Hanau. Für viele migrantisierte Jugendliche markiert Hanau eine Zäsur im Zugehörigkeitsgefühl und steht für die Erfahrung, dass rassistische Gewalt keine Ausnahme, sondern Teil gesellschaftlicher Wirklichkeit ist. In diesem Spannungsfeld stellt sich politische Bildung die Frage, wie Solidarität und Empowerment aus rassismuskritischer Perspektive partizipative Räume eröffnen können.

Politische Bildung steht gegenwärtig vor der Aufgabe, Demokratie nicht abstrakt zu vermitteln, sondern im Kontext sozialer Ungleichheitsverhältnisse zu betrachten – sich also auch mit den unterschiedlichen gesellschaftlichen Ursachen, Formen und Dimensionen von Rassismus auseinanderzusetzen. Vor diesem Hintergrund gewinnen Konzepte wie Solidarität und Empowerment an Bedeutung. Beide Begriffe sind anschlussfähig für die Praxis politischer Bildung, bleiben jedoch wirkungslos, wenn sie strukturelle Machtverhältnisse ausblenden. Eine rassismuskritische Perspektive fragt danach, wie Ungleichheit hergestellt und legitimiert wird und eröffnet damit einen Rahmen, in dem solidarisches Handeln und kollektive Handlungsfähigkeit gemeinsam gedacht werden müssen.


Postmigrantische Gesellschaft und rassistische Kontinuitäten

Der Begriff der postmigrantischen Gesellschaft (Foroutan 2019) verschiebt die Perspektive: Er fragt nicht mehr, wie sich „die Anderen“ integrieren, sondern wie eine Gesellschaft, die längst durch Migration geprägt ist, Anerkennungsprozesse realisieren kann. Das postmigrantische Denken versteht sich als eine offene und kritische Haltung, die von den Erfahrungen der Migration ausgeht und das binäre Denken zwischen „migrantisch“ und „einheimisch“ radikal infrage stellt. Vielmehr zielt es darauf, hegemoniale Zugehörigkeitsordnungen aufzubrechen, Migration als Normalität zu begreifen und neue Möglichkeitsräume für das solidarische Miteinander zu eröffnen.

Diese Konflikte sind nicht nur symbolisch. Sie sind mit ungleichen Machtverhältnissen verbunden. Rassismus lässt sich dabei nicht nur auf extreme Gewalttaten oder individuelle Einstellungen reduzieren. Stuart Hall (2018: 15 ff.) unterstreicht, dass Rassismus als gesellschaftliche Struktur wirkt, die Differenzen produziert und hierarchisiert. In diesem Diskurs versucht Hall insbesondere auch die Kategorien „Rasse“, „Ethnie“ und „Nation“ kritisch zu betrachten. Auch neuere rassismustheoretische Ansätze beispielsweise von Claus Melter und Paul Mecheril (2011), konzentrieren sich auf das Konzept der „Rassismuskritik“, das eine selbstreflexive und machtkritische Auseinandersetzung mit Handlungen, Institutionen, Diskursen und Strukturen fordert. Rassismuserfahrungen entstehen häufig aus einer gesellschaftlichen Einteilung von Menschen in vermeintlich gegensätzliche „Rassen“. Dabei zeigen sie sich nicht nur in offenen oder angedrohten körperlichen Angriffen. Vielmehr können solche Erfahrungen auch in Form von Gewalt gegen die eigene Person oder gegen nahestehende Menschen, als auch subtil auftreten, zum Beispiel durch abwertende Blicke oder ausgrenzende Praxen im Alltag.

Empirische Studien wie der NaDiRa-Monitor und die InRa-Studie zeigen, dass rassistische Einstellungen und Diskriminierungserfahrungen nicht nur individuelle Vorurteile, sondern auch strukturelle Ungleichheiten und institutionelle Praktiken umfassen. Insbesondere berichten mehr als die Hälfte der rassistisch markierten Befragten von regelmäßigen Diskriminierungserfahrungen, die oft strukturell vermittelt werden und bestimmte Gruppen systematisch benachteiligen (DeZIM 2025; FGZ 2026).

Für die politische Bildung ist das keine Nebensache. Sie ist selbst institutionell eingebunden, sei es in Schulen, Jugendzentren oder Projekten der außerschulischen Bildung. Politische Bildner*innen arbeiten mit jungen Menschen, die sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Anerkennung, Ausgrenzung und Rassismus machen. Wenn diese Erfahrungen im Bildungsraum keinen Platz haben, entsteht eine Leerstelle. Wenn sie jedoch problematisiert und aufgebrochen werden, eröffnet sich die Möglichkeit, gesellschaftliche Strukturen zu thematisieren und rassismuskritische Positionierungen an konkreten Lebensrealitäten zu spiegeln.


Solidarität und Empowerment im Fokus der Rassismuskritik

Rassismuskritische politische Bildung setzt voraus, Rassismus als gesellschaftliches Macht- und Ungleichheitsverhältnis zu verstehen. Sie richtet den Blick insbesondere auf historische Kontinuitäten, institutionelle Strukturen sowie auf Wissensbestände und Ordnungen, die rassistische Differenzierungen hervorbringen und legitimieren. In diesem Sinne beschreiben Melter und Mecheril (2011: 14 ff.) rassismuskritische Bildungsarbeit als einen reflexiven Prozess, der darauf zielt, die Selbstverständlichkeiten gesellschaftlicher Ordnung zu irritieren und die eigene Verstrickung in Machtverhältnisse zu reflektieren. Rassismuskritik ist damit nicht primär moralische Appellpädagogik, sondern eine analytische und politische Perspektive auf gesellschaftliche Ungleichheit. Vor diesem Hintergrund gewinnen auch die Begriffe Solidarität und Empowerment eine besondere Bedeutung für politische Bildungsprozesse. Beide Konzepte verweisen auf Möglichkeiten kollektiver Handlungsfähigkeit und gesellschaftlicher Veränderung.

Solidarität gilt in politischen und sozialwissenschaftlichen Debatten als ein grundlegendes Prinzip demokratischer Gesellschaften. Sie bezeichnet Formen gegenseitiger Unterstützung, die über individuelle Interessen hinausgehen und sich auf geteilte normative Vorstellungen von Gerechtigkeit und Gleichheit beziehen.

In seiner sozialphilosophischen Analyse beschreibt Hauke Brunkhorst (2002: 17 ff.) Solidarität als eine Praxis wechselseitiger Anerkennung zwischen freien und gleichen Bürger*innen, die sich insbesondere in modernen demokratischen Gesellschaften als politisches Prinzip herausgebildet hat. Solidarität ist demnach nicht lediglich Mitgefühl oder moralische Hilfsbereitschaft, sondern eine politisch gerahmte Form gemeinsamer Verantwortungsübernahme. In der postmigrantischen Gesellschaft kann Solidarität nicht mehr selbstverständlich entlang nationaler oder kultureller Gemeinsamkeiten gedacht werden. Vielmehr muss sie als eine Praxis verstanden werden, die sich insbesondere in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Ungleichheit und Diskriminierung entfaltet.

Eine rassismuskritische Perspektive zeigt auf, dass Solidarität in pädagogischen Kontexten häufig paternalistisch konzipiert ist. In solchen Konstellationen unterstützen Angehörige der gesellschaftlichen Mehrheitsposition vermeintlich benachteiligte oder marginalisierte Gruppen, ohne eigene Privilegien oder strukturelle Machtpositionen kritisch zu reflektieren. Solidarität bleibt dann asymmetrisch und reproduziert hierarchische Beziehungen. Rassismuskritische politische Bildung zielt hingegen auf eine machtkritische Solidarität, die gesellschaftliche Ungleichheiten anerkennt und die Perspektiven von marginalisierten Gruppen stärker in den Blick nimmt. Solidarität bedeutet in diesem Sinne nicht harmonische Einigkeit oder konfliktfreie Gemeinsamkeit. Vielmehr ist sie ein konflikthafter Prozess, in dem gesellschaftliche Positionen, Interessen und Privilegien sichtbar werden und neu verhandelt werden müssen. Politische Bildung kann hier Räume eröffnen, in denen diese Aushandlungsprozesse reflektiert und demokratisch gestaltet werden.

Eng verbunden mit solidarischen Praktiken ist der Begriff des Empowerments. Seine Ursprünge liegen in sozialen Bewegungen, insbesondere in der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung, in feministischen Kämpfen und community-basierten Initiativen marginalisierter Gruppen. Empowerment bezeichnet dabei Prozesse der Selbstermächtigung, durch die Menschen oder Gruppen ihre Handlungsfähigkeit stärken und Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse gewinnen (Blank 2024: 12 ff). Der Soziologe Norbert Herriger (2020: 14) definiert Empowerment als einen konflikthaften Prozess, „der Umverteilung von politischer Macht, in dessen Verlauf Menschen oder Gruppen von Menschen aus einer Position relativer Machtunterlegenheit austreten und sich ein Mehr an demokratischem Partizipationsvermögen und politischer Entscheidungsmacht aneignen.“ Empowerment ist demnach nicht nur ein individuelles Gefühl von Selbstwirksamkeit, sondern ein kollektiver Prozess, der auf die Veränderung sozialer Strukturen zielt.

Auch in rassismuskritischen Diskursen ist Empowerment ein zentraler Ansatz. Empowerment eröffnet insbesondere für von Rassismus betroffene Gruppen Räume, in denen Erfahrungen von Diskriminierung artikuliert, gemeinschaftlich reflektiert und in politische Handlungsstrategien übersetzt werden können. Empowerment ermöglicht somit eine Verschiebung der Perspektive: Betroffene werden nicht länger ausschließlich als Opfer von Diskriminierung betrachtet, sondern als handelnde Subjekte, die gesellschaftliche Veränderungen aktiv mitgestalten.

Gleichzeitig ist der Begriff in den letzten Jahren zunehmend auch in pädagogischen und politischen Diskursen verbreitet worden. Es besteht die Gefahr, dass Empowerment individualisiert und auf Selbstoptimierung reduziert wird. In solchen Deutungen wird Empowerment zu einer Strategie der Anpassung an bestehende gesellschaftliche Bedingungen, etwa im Sinne von Resilienz oder persönlicher Lebensbewältigung. Eine rassismuskritische Perspektive erweitert dieser eingrenzende Perspektive. Sie betont, dass Empowerment immer auch auf strukturelle Veränderungen zielt und damit eng mit Fragen sozialer Gerechtigkeit verbunden ist.

Aus rassismuskritischer Sicht stehen Solidarität und Empowerment nicht nebeneinander, sondern bilden zwei gemeinsam gedachte Perspektiven politischer Bildungsarbeit. Empowerment stärkt die Handlungsmöglichkeiten von Menschen und Gruppen, die von Rassismus betroffen sind. Solidarität erweitert diese Perspektive, indem sie gesellschaftliche Bündnisse ermöglicht und Verantwortung über die Grenzen eigener Betroffenheit hinaus organisiert.

Ohne solidarische Bündnisse und Allianzen kann Empowerment isolierend wirken. Wenn marginalisierte und migrantisierte Gruppen ausschließlich auf eigene Ressourcen verwiesen werden, bleiben strukturelle Machtverhältnisse häufig unangetastet. Umgekehrt bleibt Solidarität ohne die Stärkung marginalisierter Stimmen häufig symbolisch oder paternalistisch. Erst in ihrem Zusammenwirken eröffnen beide Konzepte Möglichkeiten für demokratische Transformation.

Für die politische Bildung bedeutet dies, Lernräume zu schaffen, in denen unterschiedliche gesellschaftliche Positionierungen reflektiert werden können. Rassismuskritische Bildungsarbeit muss sowohl die Erfahrungen von Diskriminierung sichtbar machen als auch die gesellschaftlichen Strukturen analysieren sowie Partizipation und Anerkennung in der Gesellschaft der Vielen stärken.


Politische Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit

Wenn Solidarität und Empowerment rassismuskritisch gedacht werden, stellt sich die Frage nach ihrer konkreten Umsetzung in der politischen Bildungsarbeit. Politische Bildung in Schule und außerschulischer Jugendarbeit bewegt sich dabei in einem Spannungsfeld. Sie soll demokratische Werte vermitteln und ist zugleich selbst Teil institutioneller Strukturen, die Ungleichheiten nicht automatisch aufheben.

Forschungen zur rassismuskritischen Schulentwicklung zeigen, dass pädagogische Fachkräfte häufig zwischen professionellem Anspruch und institutionellen Routinen stehen, die Ausschlüsse reproduzieren können (Fereidooni 2016: 167 ff.). In der Kinder- und Jugendbildung heißt das konkret, biografische Erfahrungen als politische Erfahrungen zu begreifen. Wenn migrantisierte Jugendliche von willkürlichen Polizeikontrollen berichten oder von Lehrkräften, die ihre Kompetenzen unterschätzen, dann sind das keine Einzelfälle. Sie verweisen auf gesellschaftliche Strukturen. Politische Bildung kann hier ansetzen und gemeinsam fragen, wie solche Erfahrungen mit demokratischen Prinzipien von Gleichwertigkeit und Menschenwürde zusammenpassen. Studien zu politischer Sozialisation zeigen, dass junge Menschen besonders dann politisches Interesse entwickeln, wenn sie ihre eigenen Lebensrealitäten als anerkannt erleben (Albert u. a. 2024).


Ausblick: Politische Bildung als solidarische Demokratiepraxis

Die postmigrantische Gesellschaft ist kein Zukunftsszenario, sondern Gegenwart. Sie ist geprägt von Vielfalt, von Konflikten um Zugehörigkeit und von Auseinandersetzungen um Gleichwertigkeit. Politische Bildung kann diese Konflikte nicht auflösen, aber sie kann Räume schaffen, in denen sie bearbeitet und kritisch reflektiert werden. Rassismuskritik ermöglicht es, Ungleichheit nicht zu individualisieren, sondern als strukturelle Herausforderung zu verstehen. Solidarität und Empowerment geben eine klare Orientierung, die über bloße Appelle hinausgehen.

Die Erinnerungen an die rechtsterroristischen Morde des NSU sowie die rassistischen Angriffe in Halle, Kassel, Hanau u. ä. sind in vielen Bildungsprojekten Teil dieser Praxis geworden. Sie verbinden Trauer und Wut mit politischer Analyse und der Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung. Die Worte des in Hanau ermordeten Ferhat Unvar erinnern daran, worum es letztlich geht. „Tot ist man erst, wenn man uns vergisst!“. Politische Bildung, die Solidarität und Empowerment rassismuskritisch zusammendenkt, trägt dazu bei, dass Erinnerung nicht folgenlos bleibt, sondern in rassismuskritisches Handeln übertragen wird.




Literatur

Albert, Mathias/Quenzel, Gudrun/de Moll Verian, Frederick (2024): 19. Shell Jugendstudie. Jugend 2024 – Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt. Online: https://www.shell.de/ueber-uns/initiativen/shell-jugendstudie-2024.html (Zugriff: 10.3.2026).

Blank, Beate (2024): Was ist Empowerment? ­Weinheim/Basel.

Brunkhorst, Hauke (2002): Solidarität. Von der Bürgerfreundschaft zur globalen Rechtsgenossenschaft. Frankfurt/M.

DeZIM – Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (2025): Verborgene Muster, sichtbare Folgen. Rassismus und Diskriminierung in Deutschland. Monitoringbericht des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa). Berlin. Online: https://www.rassismusmonitor.de/fileadmin/user_upload/NaDiRa/Publikationen/Verborgene_Muster_Monitoringbericht/NaDiRa_Monitoringbericht_2025_FINAL__1_.pdf (Zugriff: 8.3.2026).

Fereidooni, Karim (2016): Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen im Schulwesen. Eine Studie zu Ungleichheitspraktiken im Berufskontext. Wiesbaden.

FGZ – Forschungsinstitut Gesellschaftlicher ­Zusammenhalt (2026): InRa-Studie: Rassismus in deutschen Institutionen & institutioneller Rassismus. Online: https://fgz-risc.de/forschung/inra-studie/ (Zugriff: 8.3.2026).

Foroutan, Naika (2019): Die postmigrantische Gesellschaft. Ein Versprechen der pluralen ­Demo­kratie. Bielefeld.

Hall, Stuart (2018): Das verhängnisvolle Dreieck. Rasse, Ethnie, Nation. Berlin.

Herriger, Norbert (2020): Empowerment in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. 6. Aufl. Stuttgart.

Mecheril, Paul/Melter, Claus (2011): Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und -forschung. ­Schwalbach/Ts.

Der Autor

Dr. Kemal Bozay ist Professor für Soziale Arbeit und Sozialwissenschaften an der IU Internationale Hochschule in Köln. Er ist hier Mitglied im Zentrum für Radikalisierungs­forschung & Prävention (ZRP). Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Politische Bildung, Kritische Migrationsforschung, Rassismuskritische Bildung, Rechtsextremismus, Ungleichwertigkeitsideologien und Jugendhilfe.