Solidarität und Empowerment
Zusammenhänge, Unterschiede und Folgen für die politische Bildung
Solidarität und Empowerment gehören zu zentralen Begriffen in Debatten über sozialen Wandel und Teilhabefragen. Beide kursieren in aktivistischen wie wissenschaftlichen Zusammenhängen,
in der politischen Bildung wie in der Sozialen Arbeit – und trotzdem:
Eine systematische Verbindung beider Konzepte fehlt bislang.
Wer von Empowerment spricht, meint zumeist die Selbstermächtigung von Betroffenen sozialer Ungleichheitsverhältnisse, die auf die Solidarität von außen angewiesen ist. Eine solche Verknüpfung könnte jedoch genau das stören, was Empowermentpraktiken, die von Betroffenen ausgeht, konzeptionell ausmacht: Autonomie, Selbstorganisation, unregulierte Praxis. Der folgende Beitrag skizziert eine spezifische Konturierung der Begriffe Empowerment und Solidarität und entwirft einen möglichen Zusammenhang: Wie hängen beide Konzepte zusammen – oder auch nicht? Welche Formen von Solidarität sind mit Empowerment vereinbar, welche stehen ihm entgegen? Und was folgt daraus für politische Bildung?
Empowerment als
politisches Gegenhandeln
Der Begriff „Empowerment“ geht auf die Schwarzen Bürger*innenrechtsbewegungen der 1960er und 1970er Jahre zurück; verstanden als Praxis des politischen Aktivismus zur „Durchsetzung kollektiver Interessen von marginalisierten Gruppen und als außerstaatliche Gegenmacht“ (Madjlessi-Roudi/Virchow 2023: 428). Von Schwarzen feministischen, LSBTTIQ*-, antikolonialen und anderen antistaatlichen Bewegungen und zahlreichen weiteren Selbstorganisationen gingen wichtige Impulse aus – Bewegungen, die sich gerade gegen strukturell organisierte Formen professioneller Einmischung richteten (vgl. Chehata u. a. 2023: 24). Drei Punkte lassen sich mit Blick auf die Geschichte von Empowerment festhalten. Empowerment ist eine Form politischer Selbstorganisation. Dieser politischen Selbstorganisation liegt eine kollektive Bemächtigung gegenüber unterdrückenden Strukturen und Verhältnissen zugrunde. Empowerment hat demnach auch einen bestimmten Zielpunkt: Nämlich die Öffnung und Aneignung von Berechtigungsräumen (vgl. ebd.: 26). Empowerment bezeichnet eine besondere Form der Befreiung in gesellschaftlichen Ungleichheits- und Unterdrückungsverhältnissen – durch von diesen Verhältnissen betroffene Gruppen und Communities (Rosenstreich 2023: 349).
Die gegenwärtige Verbreitung des Begriffs in professionellen Feldern wie der politischen Bildung und der Sozialen Arbeit geht mit einer folgenreichen Transformation einher: Der gesellschaftspolitische Zeitgeist der Stärkung individueller Potenziale trifft vor allem in sozialen und pädagogischen Institutionen auf die „große Sehnsucht, Selbstbehauptung, Entfesselung, Befreiung und dergleichen mehr methodisch anleiten zu können“ (Bakic 2014: o. S.). Halil Cans Kritik richtet sich gegen die Tendenz, Empowerment auf individuelles Bewältigungshandeln zu reduzieren und dabei seine…
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Die Autorin
Yasmine Chehata lehrt und forscht an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der TH Köln u. a. zu den Schwerpunkten Soziale Arbeit, Jugendselbstorganisation, politische Bildung, Migration und Rassismuskritik sowie Empowerment und Powersharing.