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Resilienz als Gemeinschaftserfahrung

Der Angriff auf die Kundgebung „Bad Freienwalde ist bunt“ im Juni 2025 und die Folgen

Zivilgesellschaftliche Räume politischer Bildung entstehen dort, wo Menschen vor Ort demokratische Öffentlichkeit herstellen – etwa auf Marktplätzen, in Bündnissen und in ehrenamtlich getragenen Initiativen. Gerade im ländlichen Raum können solche Civic Spaces jedoch fragil sein: Sie sind sichtbarer, verletzbarer und stärker von lokalen Kräfteverhältnissen geprägt. Umso wichtiger ist es, aufzuzeigen, wie zivilgesellschaftliches Engagement für Vielfalt und Demokratie unter Druck geraten kann – und zugleich, wie gemeinschaftliche Resilienzen entstehen.


Das Bündnis „Bad Freienwalde ist bunt“ ist seit 2021 aktiv. Die Kleinstadt Bad Freienwalde liegt im Osten Brandenburgs an der Grenze zu Polen und hat ca. 12.000 Einwohner*innen. Anders als manche vielleicht denken, ist der ländliche Raum hier durchaus vielfältig. Der größte Arbeitgeber vor Ort ist bspw. ein sozialer Träger, der Einrichtungen für Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen betreibt. Außerdem gibt es eine Kurklinik, was v. a. ältere Menschen in die Stadt bringt. Hier leben natürlich auch queere Menschen, Menschen in binationalen Partnerschaften sowie Menschen mit Fluchterfahrung. All das zeigt: Auch die Gesellschaften in Kleinstädten und in den umliegenden Dörfern sind vielfältig.


Bündnis „Bad Freienwalde ist bunt“

In unserem Bündnis „Bad Freienwalde ist bunt“ sind Menschen aus der Region und Zugezogene, Mitglieder verschiedener demokratischer Parteien sowie Personen, die sich in anderen sozialen oder kulturellen Bereichen engagieren, vereint. Seit der Gründung des Bündnisses veranstalten wir jährlich eine Kundgebung im Sommer, die genauso heißt wie unsere Gruppe: „Bad Freienwalde ist bunt“. Die Idee dieser Veranstaltung war von Beginn an, einen zentralen Ort der Sichtbarkeit, Begegnung und Vernetzung zu schaffen. An einem Tag im Jahr „gehört“ der Marktplatz dieser vielfältigen Stadtgesellschaft, d. h. Jung und Alt, Menschen mit und ohne Behinderung, queere Menschen, Menschen mit und ohne Flucht- oder Migrationserfahrung nehmen daran teil.

Darüber hinaus organisiert das Bündnis anlassbezogen Demonstrationen oder beteiligt sich mit Info- und Mitmachständen an Straßenfesten. Am 9. November laden wir zu einem Rundgang zu den Stolpersteinen der Stadt ein, was im letzten Jahr erstmals unter aktiver Mitwirkung von Schüler*innen des örtlichen Gymnasiums stattgefunden hat. Diese haben an den Stationen der Stolpersteine eigene Texte vorgetragen. Alle, die sich in unserem Bündnis engagieren, verbindet der Wunsch, die gesellschaftliche Vielfalt hier vor Ort sichtbar zu machen, für Demokratie und Solidarität einzutreten. Dabei wollen wir insbesondere jungen Menschen zeigen: Bad Freienwalde ist bunt und nicht blaubraun.


Sommer-Kundgebung am 15. Juni 2025

Dass Ideen und Formate dieser Art auch mit persönlichen Risiken verbunden sind, zeigte unsere Kundgebung am 15. Juni 2025, an dem unsere Veranstaltung „Bad Freienwalde ist bunt“ bereits zum fünften Mal stattfand. Während wir zwar aus den Jahren zuvor Pöbeleien von der anderen Straßenseite kannten, wurden wir diesmal aber von einer gewaltbereiten rechtsextremen Gruppe angegriffen.

Kurz vor Beginn der Veranstaltung stürmten ca. 12 Angreifer den Marktplatz, vermutlich Jugendliche oder junge Männer. Sie waren sehr schnell und einige von ihnen offensichtlich kampfsporttrainiert und entschlossen, an diesem Tag Gewalt anzuwenden. Mehreren unserer Mitwirkenden wurde ins Gesicht geschlagen. Die Angreifer trugen schlagverstärkende Handschuhe. Ein Opfer musste wegen eines Knochenbruchs operiert werden. Der Angriff ging sehr schnell. Bevor alle auf dem Platz realisieren konnten, was passierte, liefen die Angreifer schon wieder weg. Das haben wir auch dem mutigen Einschreiten von Ordner*innen und Teilnehmenden zu verdanken.

Dank der Vernetzung mit weiteren ähnlichen Initiativen in der Region und bis nach Berlin werden wir jedes Jahr von einem erfahrenen Schutzteam unterstützt. Dieses Team lief ohne zu zögern den Angreifern entschlossen entgegen und schrie aus vollem Hals: „Haut ab!“ und „Nazis raus!“. Das gab weiteren Teilnehmenden den Impuls, sich anzuschließen. Etwa 40 Menschen, stürmten in die Mitte des Platzes – den Angreifern entgegen. Es ist schwer zu beschreiben, wie sich eine solche kollektive Energie und Kraft anfühlt, aber sie war sehr deutlich zu spüren und zeigte Wirkung. Denn einer der Angreifer schrie plötzlich „Abbruch!“ und alle liefen weg. Dieser Vorfall zeigt uns sehr deutlich, dass Orte, an denen Menschen sich für Demokratie und Vielfalt einsetzen, konkret bedroht sind und der Schutz der Teilnehmenden mit Blick auf die Konzeption und die Ressourcen immer voraus- und mitgedacht werden muss.

Tatsächlich hat uns als Bündnis diese kollektive Energie dabei geholfen, den Angriff abzuwehren und unsere Kundgebung mit Bühnenprogramm und Mitmachangeboten an diesem Tag mit nur geringer Verzögerung weiter durchzuführen. Wir hatten diese Veranstaltung monatelang vorbereitet, hatten in wachsender Vorfreude darauf hingefiebert und waren am Ende (eben) nicht bereit, diesen Platz für rechtsextreme Schläger zu räumen. Verrückterweise stand für mich außer Frage, dass wir unser geplantes Programm auch nach dem Angriff weiter umsetzen würden. Einige Tage später hatten wir ein Nachtreffen und ich habe die anderen Mitglieder unserer Gruppe gefragt, wie es ihnen ergangen ist.

Nicht eine einzige Person hatte an diesem Tag an den Abbruch der Veranstaltung gedacht. Auch an den Ständen der Kooperationspartner sind alle Mitwirkenden geblieben, selbst diejenigen, die einen Schlag abbekommen hatten. Ein direkt am Marktplatz gelegenes Restaurant brachte uns Kühlpads aus dem Gefrierschrank. Von der Bühne informierten wir regelmäßig darüber, was passiert war, da ja auch den Nachmittag über immer wieder neue Teilnehmende kamen, die von dem Übergriff noch nichts mitbekommen hatten. Zugleich wiesen wir auf Unterstützungsangebote hin. Dazu gehören unter anderem der in Brandenburg aktive Verein Opferperspektive, der rechtliche und psychologische Hilfe bietet, sowie die Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt (BOrG). Letztere betreibt ein Monitoring rechter Aktivitäten in der Region und macht diese mit einer jährlichen Chronik gegenüber Medien und Politik sichtbar. Wir haben auch am Mikrofon gefragt, wer noch Hilfe oder Unterstützung braucht.


Rückschau

In der Rückschau würde ich die Stimmung nach dem Angriff nicht als kämpferisch beschreiben, eher als widerständig. So brutal wie die persönliche Erfahrung besonders für diejenigen war, die die Gewalt unmittelbar erfahren hatten, so positiv war die gemeinschaftliche Erfahrung, die Kundgebung „trotz allem“ durchzuführen. Der Angriff wurde Teil der Realität dieses Tages. Und genauso wurde die kollektive Resilienz Teil der Realität dieses Tages. Ja, wir sind brutal angegriffen worden, aber wir haben den Platz nicht geräumt, haben ihn nicht den rechtsextremen Schlägern überlassen.

Die Frage ist, wie wir zukünftige Veranstaltungen so gestalten können, dass sich alle wohlfühlen und sie sicher sind. Die Tatsache, dass Menschen solche Erlebnisse und Angriffe unterschiedlich verarbeiten, entbindet uns nicht von der strukturellen Verantwortung, kollektive Sicherheit und Nachsorge durch Schutz-, Awareness- und Unterstützungsangebote zu organisieren. Tatsächlich mussten wir bei allen vorherigen Kundgebungen und Demos jedes Mal die Polizei rufen. Unsere Veranstaltungen sind natürlich angemeldet, aber die Polizei bleibt nicht immer vor Ort. Wenn sie nicht vor Ort ist und etwas passiert, müssen wir sie alarmieren und in Kenntnis setzen. Was wir häufiger erlebt haben, waren Rufe oder Pöbeleien. Auch dass wir fotografiert oder gefilmt werden, kommt vor. Auch Bedrohungen mit einem Messer oder Schlagstock haben wir bereits erlebt. Im letzten Jahr gab es zudem zwei Graffitis in Bad Freienwalde: „Fuck Antifa – wir kriegen euch“ und „Brandenburg zeckenfrei“, jeweils verbunden mit dem Logo der NRJ, der Nationalrevolutionären Jugend des III. Weges. Wir versuchen, so oft es geht, ein Schutzteam in unsere Veranstaltungen einzubinden.

Mit Blick auf zukünftige Veranstaltungen stehen wir aktuell mit der Polizeibeauftragten des Landes Brandenburg in Kontakt. Sie unterstützt uns dabei, im Dialog mit den Sicherheitsbehörden unsere Veranstaltungen gut vorzubereiten. Dabei geht es nicht darum, eine Kundgebung von einer Hundertschaft bewachen zu lassen, sondern um ein besseres wechselseitiges Verständnis.

Unmittelbar nach dem Angriff auf dem Marktplatz öffnete sich ein weiterer Raum, nämlich der Raum der (sozialen) Medien, auf den wir als kleine ehrenamtliche Initiative kaum vorbereitet waren. Der lokale ARD-Sender rbb war vor Ort und filmte den Angriff zufällig. Aufgrund dieser Fernsehbilder schickte die dpa sofort einen Reporter. Die dpa-Meldung wurde am Folgetag bundesweit von der Presse übernommen. Sehr viele auch überregionale Zeitungen und Magazine, legten im Anschluss mit eigenen Interviews oder Reportagen nach.

Tatsächlich geht es bei solchen Angriffen nicht nur um die unmittelbare Gewalt, sondern auch um die Deutungshoheit von Situationen im Nachhinein. Das haben wir nach dem Angriff gelernt. Rechtsextreme Kreise haben sehr schnell versucht, den Angriff zu verharmlosen und zu legitimieren: „Das Geschehen wäre ja nicht so schlimm gewesen, alles völlig übertrieben dargestellt. Und falls da überhaupt etwas war, dann hätte es ja auch irgendwie die Richtigen getroffen.“ Ungefähr so lief der rechtsextreme Spin. Wenig hilfreich war in diesem Kontext, dass Journalist*innen unsere Kundgebung als queere Veranstaltung gelabelt haben – das passte für einige wohl gut in den Pride Month. Natürlich haben auch queere Künstler*innen und Organisationen bei uns mitgewirkt. Aber es war eben keine ausschließlich queere Veranstaltung.

Der rechten Desinformation und bisweilen unsauberen journalistischen Arbeit sind wir mit zwei Kernbotschaften entgegengetreten: 1. Wir haben einen sehr brutalen gewalttätigen Angriff erlebt und 2. dieser Angriff galt nicht einer spezifischen Gruppe, sondern uns allen. Während des Angriffs befanden sich Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senior*innen, Menschen mit Behinderung und/oder Migrationsgeschichte und queere Menschen auf dem Platz. Wir waren ein Querschnitt der Gesellschaft – und wir alle wurden angegriffen.

Dass Innenminister René Wilke sofort zu unserer Veranstaltung kam, haben wir als sehr positiv empfunden. Das lag vor allem daran, wie er vor Ort aufgetreten ist. Er wollte nicht auf die Bühne, sondern einfach mit uns, mit den Betroffenen sprechen, seine Anteilnahme ausdrücken. Er sagte, der Vorfall würde ihn an seine Jugend in Frankfurt/Oder in den 1990ern erinnern. Er sei in den sogenannten „Baseballschlägerjahren“ dort aufgewachsen und so etwas dürfe sich nicht wiederholen. Solche Aussagen machen einen Spitzenpolitiker sehr nahbar, und hinter dem Amt wird ein Mensch sichtbar, der glaubwürdig empathisch ist. Das war an diesem Tag sehr stärkend.

Der damals noch amtierende Bürgermeister hat uns mit seiner Aussage, der Angriff sei nur eine Störung gewesen, keinen Gefallen getan, auch nicht sich selbst oder der Stadt. Denn das Erstarken der extremen Rechten kleinzureden, hilft niemandem (vgl. Büttner 2018: 118–129). Seit Ende Januar hat Bad Freienwalde eine neue Bürgermeisterin. Hier hoffen wir auf eine größere Wertschätzung unseres Engagements für Demokratie und Vielfalt.

Seit einigen Jahren berichten engagierte Journalist*innen über neue rechtsextreme Gruppen, die sich in den sozialen Medien zusammenfinden und nun auch stärker im öffentlichen Raum sichtbar werden. Das sehen wir z. B. an Stickern und Graffitis in Bad Freienwalde. Ansonsten ist es schwer, konkrete Gruppen und deren Akteure zu identifizieren. Neben den öffentlich zugänglichen Informationen über Aktivitäten von rechtsextremen Akteuren hinaus ist es auch wichtig, uns darüber mit anderen engagierten Menschen und Gruppen auszutauschen, um Akteure zu kennen und uns selbst zu schützen. Es wäre wichtig, dass Kommunalpolitiker*innen oder auch Gewerbetreibende sowie andere Vereine – einfach alle – sagen: Wir stehen gemeinsam gegen Rechtsextremismus und gegen Gewalt.

Uns als Bündnis hat der Angriff zusammengeschweißt. Wir empfinden unser Engagement notwendiger, denn je und freuen uns, dass sich unmittelbar nach dem Angriff sowohl Förderer gemeldet haben als auch Menschen, die die nächste Veranstaltung mitgestalten wollen. Das heißt: Unsere Aktivitäten 2026 sind bereits finanziert, was eine sehr große Erleichterung ist. Zudem haben wir auch sehr gute Gespräche mit Menschen aus einem eher bürgerlich-konservativen Spektrum geführt, die vorsichtige Kooperationsbereitschaft signalisiert haben. Es würde uns sehr freuen, auch Menschen außerhalb unserer Bubble zu erreichen. Daher sind wir gespannt, wie sich das weiterentwickeln wird.

Gleichzeitig wird immer wieder deutlich: Wir dürfen uns nicht verschleißen. Wir müssen uns so organisieren, dass unser Engagement über sehr viele Jahre durchhält. Wir organisieren Formate, die wir als positiv und stärkend empfinden. Da fällt mir unsere queerfeministische Tanzdemo im Frühjahr 2025 ein. Wir sind in diesem Jahr mit einem Neujahrsempfang gestartet, der von vielen warmherzigen Begegnungen und echter Solidarität geprägt war. Es ist wichtig, für sich selbst und als Gruppe herauszufinden, woraus man gemeinsam neue Energie und auch Freude schöpfen kann. Denn diese brauchen wir, um Angebote und Orte für eine vielfältige Gesellschaft zu schaffen.


Bad Freienwalde ist bunt

Das Bündnis „Bad Freienwalde ist bunt“ tritt für eine offene, solidarische Stadtgesellschaft ein und will Vielfalt in der Kurstadt sichtbar machen. Es organisiert regelmäßig Kundgebungen und Feste auf dem Marktplatz, bei denen Bürger*innen, Vereine und Initiativen zusammenkommen. Seit seiner Gründung im Jahr 2021 versteht sich das Bündnis als klare Gegenstimme zu Rechtsruck, Hass und Hetze sowie zu queerfeindlichen und rassistischen Tendenzen.

Website: https://freienwalde-ist-bunt.de/
Instagram: https://www.instagram.com/bad_freienwalde_ist_bunt/

Weiterführende Informationen:

Podcast zum Neonazi-Angriff auf das Fest „Bad Freienwalde ist bunt“ im Juni 2025:
https://wir-packens-an.podigee.io/27-wir-lassen-uns-nicht-vertreiben-nazi-angriff-auf-bad-freienwalde-ist-bunt

Analyse rechtsextremer Narrative rund um den Angriff in Bad Freienwalde:
https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/zwischen-desinformation-und-gewalt-wie-die-afd-den-neonazi-angriff-in-bad-freienwalde-fuer-ihre-agenda-umdeutet-141353/


Literatur

Büttner, Christina (2018): Folgen rechter Gewalt für Betroffene und Möglichkeiten der Unterstützung durch spezialisierte Opferberatungsstellen, Schriftenreihe Wissen schafft Demokratie 4/18, S. 118–129.


Die Autorin

Judith Strohm arbeitet für eine gemeinnützige ­Organisation. Sie engagiert sich seit 2023 ehrenamtlich bei „Bad Freienwalde ist bunt“ und übernimmt dort vor allem koordinierende Aufgaben sowie die Pressearbeit.