Queere Jugendarbeit als politisch bildende Praxis
Empowerment und demokratische Teilhabe
Wir sitzen im Gruppenraum, als Robin erzählt, dass sie mit der Jugendgruppe einen safer space schaffen wollen. Hier sei ein
„schwieriges Pflaster“, weshalb ein „Zusammenhalt gegen rechte Gruppen“ wichtig sei. Robin berichtet von Drohungen. Wenn man erwachsen ist, könne man damit umgehen, für Jüngere sei dies belastender. „Schule, Depressionen und Sex“; das seien wichtige Themen, für die es sichere Räume brauche. Deshalb wollen sie nun einen CSD organisieren. Lachend wirft Robin Alix vor, dass Alix sich doch darum kümmern wollte. Alix erwidert verlegen: „Ja, aber das Abi und das
Leben kamen dazwischen.“ Robin richtet sich auf und fragt
spielerisch-provozierend: „Stehst Du jetzt für unsere Sache ein?“1
Diese Szene ereignete sich während eines Gruppenabends einer queeren Jugendgruppe. Diese bilden offene Treffpunkte für junge Queers, die selbstorganisiert sind oder Teil sozialpädagogischer Angebote. Die Szene verdeutlicht exemplarisch, wie junge (queere) Menschen Räume aktiv mitgestalten und sich dadurch empowern.
Robin verweist auf die Notwendigkeit, Räume zu schaffen, in denen junge Menschen Sicherheit erfahren, sich selbstbestimmt entwickeln und Handlungsmacht ausbilden können. Gerade dort, wo die (gesellschafts-)politische Situation queere Menschen gefährdet, sei es wichtig, sich gemeinschaftlich über ihre lebensweltlichen Themen austauschen zu können.
Der safer space ist jedoch nicht nur nach innen gerichtet, sondern mit politischen Forderungen nach Anerkennung, Rechten und Sichtbarkeit queerer Lebensweisen verbunden. Zugleich betont Alix, dass der Wunsch nach Empowerment auf eine von vielfältigen Herausforderungen und Belastungen geprägte Lebenslage trifft. Die Verantwortungszuschreibung für die Organisation des CSDs wird durch den spielerischen Unterton und das gemeinsame Anliegen gebrochen, ohne dass die Aufforderung zum widerständigen Engagement an Kraft verliert.
Dies wirft die Frage auf, wie queere junge Menschen demokratisch und politisch bildend gestärkt werden können. Um dieser Frage nachzugehen, schärfen wir zunächst den Begriff des Empowerments. Dies ermöglicht es uns, eine queerspezifische Perspektive auf Empowermentkonzepte zu entwickeln. Abschließend leiten wir Anregungen für eine politisch bildende Praxis ab.
Empowerment in der
offenen queeren Jugendarbeit
Wie sollte Empowerment in der offenen Queeren Jugendarbeit gestaltet werden? Queere Jugendarbeit als politisch bildende Praxis steht vor der Aufgabe, Empowermentprozesse anzustoßen, ohne sie zu vereinnahmen. Es liegt in der professionellen Verantwortung, pädagogische Räume zu eröffnen, in denen junge queere Menschen Selbstermächtigung kollektiv erproben können.
Ausgangspunkt ist ein macht- und herrschaftskritisches Empowermentverständnis, das Empowerment als selbstbestimmten Prozess…
Weiterlesen mit JOURNAL+
Geschrieben von
Simon Merz (M. A.) ist Kommunikationswissenschaftler mit Themenschwerpunkten in queerer Vielfalt und politischer Bildung sowie pädagogischer Mitarbeiter an der Volkshochschule Frankfurt am Main. Als Jugend- und Erwachsenenbildner arbeitet er zu Demokratie, Diskriminierungskritik und Partizipation.
Prof. Dr. Jasmin Brück ist Professorin für Soziale Arbeit an der IU-Internationalen Hochschule. Ihre Themenschwerpunkte sind Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Jugendforschung sowie sexuelle und geschlechtliche Vielfalt.
Dr.*in Folke Brodersen ist Post-Doc am Center for Diversity, Media and Law der JLU Gießen. Folke arbeitet zu Queer Theory, Subjektivierungsanalyse, Therapeutisierung und Jugendhilfe.
Prof. Dr. Nils Klevermann ist Professor*in für Organisationsfragen in der Sozialen Arbeit an der Hochschule München.