Politische Jugendbildung zur Demokratisierung in der frühen Bundesrepublik
Wie ist das Fördersystem der politischen Jugendbildung in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Ende des zweiten Weltkriegs entstanden? Welche Akteur*innen waren daran beteiligt und wer hat darauf Einfluss genommen? Vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Re-education – deren Wirkung zu diskutieren ist – wurde mit dem Bundesjugendplan ein Instrument der Förderpolitik entwickelt, das die Rolle der politischen Jugendbildung beim Aufbau einer demokratischen Gesellschaft und bei der geistigen Bewältigung der politischen Vergangenheit maßgeblich unterstützt hat.
Nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945, war es ein elementares Ziel der vier Siegermächte USA, Großbritannien, Sowjetunion und Frankreich das Erziehungssystem in Deutschland grundsätzlich zu demokratisieren. In der Kontrollratsdirektive Nr. 54 von 1947 lautete der Grundsatz Nr. 5, dass „alle Schulen […] auf die Erziehung zu staatsbürgerlicher Verantwortung und demokratischer Lebensweise“ Nachdruck legen sollen. Dieses Prinzip wurde auf sämtliche Aktivitäten zur Betreuung Jugendlicher übertragen.
Jugendbildung und politische Jugendbildung nach 1945
Wohnungsnot, Ernährung, Arbeits- und Heimatlosigkeit waren die größten Probleme Jugendlicher in dieser Zeit, doch zahlreiche Initiativen von Jugendarbeit und politischer Jugendbildung wurden von der erziehungsoptimistischen Vorstellung einer Re-education, quasi einer Umerziehung, der durch die nationalsozialistische Ideologie geprägten Bevölkerung geleitet. Die Sorge der Besatzungsmächte galt insbesondere den jungen Menschen, deren gesamtes Leben bis dahin weitgehend durch die nationalsozialistische Ideologie bestimmt worden war.
Engagierte Akteur*innen des Neuaufbaus von Jugendarbeit und Jugendbildung waren Menschen, die vor 1933 in unterschiedlichen Strömungen der Jugendbewegung aktiv waren: Menschen aus der kirchlichen Jugendarbeit oder der Arbeiterjugendbewegung, die während des nationalsozialistischen Regimes zum Teil mit einem Tätigkeitsverbot belegt worden waren, Emigrant*innen, die nach Kriegsende nach Deutschland zurückkamen und vor allem die Jugendoffiziere der verschiedenen Militärregierungen.
Die Aktivitäten von Jugendgruppen mussten von den Militärregierungen genehmigt werden.
In den drei westlichen Besatzungszonen wurden zunächst kirchliche und Jugendgruppen im Sport zugelassen. Im sowjetischen Sektor wurden antifaschistische Jugendausschüsse gebildet. Doch auch in der Jugendpolitik zeigten sich schon bald unterschiedliche Entwicklungsmodelle: Entweder Einheitsvorstellungen unter kommunistischer Dominanz oder pluralistische Kooperationen eigenständiger Gruppen. Politische Jugendgruppen wurden in den westlichen Zonen erst ab 1946 wieder zugelassen (vgl. Boll 1995, S. 54 ff). Alle Initiativen im Jugendbereich engagierten sich für die Beseitigung der mannigfaltigen Notlagen der Jugend. Die folgenden Überlegungen fokussieren die…
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Der Autor
Klaus Waldmann ist Diplompädagoge und als freiberuflicher Coach tätig. Er war viele Jahre in unterschiedlichen Funktionen in der politischen Jugendbildung aktiv.