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„Nicht am Ziel – aber wieder handlungsfähig“

Impulse aus Frankfurt über Lobbyarbeit, Protest und das politische Ringen um die Finanzierung und Zukunft von Kinder- und Jugendarbeit

Kinder- und Jugendarbeit hat nicht nur einen fachlichen, sondern auch einen kinder- und jugendpolitischen Auftrag. Sie ist angehalten, sich als aktiver Teil kommunaler Strukturpolitik zu verstehen und in den politischen Raum hör- und sichtbar einzubringen – gerade in Finanzierungsfragen. Dazu gehört es auch Bedarfe zu benennen, Ungleichheiten zu skandalisieren und strategische Allianzen zu bilden. Wie das gelingen kann, zeigt ein Rück- und Ausblick auf das politische Engagement von freien Trägern in der Stadt Frankfurt.


JOURNAL: Herr Löschner, Frankfurt am Main gilt in der Bundesrepublik als wirtschaftsstarke Stadt. Gleichzeitig stand die Kinder- und Jugendarbeit bei Ihnen über viele Jahre massiv unter Druck. Wie passt das zusammen?

Johannes Löschner: Tatsächlich klingt es erst mal paradox. Frankfurt ist wirtschaftlich sehr gut aufgestellt – allein 2024 hatte der Kämmerer laut Presseberichten einen Haushaltsüberschuss von 300 Millionen Euro. Dennoch bewegte sich bei der Finanzierung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit über Jahre hinweg kaum etwas – über fast zehn Jahre hat sich der städtische Zuschuss für freie Träger faktisch kaum verändert. Für uns freie Träger bedeutete das: Wir mussten immer mehr kompensieren, obwohl die Anforderungen an uns gleichzeitig stiegen.

JOURNAL: Wie hat sich diese Situation konkret entwickelt und wann wurde das Problem akut?

Johannes Löschner: Spätestens 2019. Wir haben gemerkt, dass einzelne Einmalzuschüsse oder minimale Personalkostenanpassungen als gewissermaßen symbolische Anpassungen nicht ausreichen. Die Träger signalisierten daher offen: So geht es nicht weiter! Denn die Kosten stiegen, der Zuschuss jedoch blieb gleich. Das war dann auch der Moment, aus dem sich heraus die „AG Protest“ gründete. Getragen wurde sie u.a. vom Frankfurter Jugendring und verschiedensten engagierten Trägern aus der Stadt. Anfangs nahmen überwiegend große Träger teil. Mit der Zeit stieg jedoch die Beteiligung, und es kamen vermehrt auch Einrichtungen kleinerer Träger hinzu. Über fünf Jahre hinweg wurde aus einem Zusammenschluss ein echtes Aktionsbündnis. Dabei kamen unterschiedlichste Formate zum Einsatz: Demonstrationen, Pressearbeit, wir haben Stadtverordnete eingeladen, sind regelmäßig in die Ortsbeiräte gegangen, haben Podiumsdiskussionen organisiert – eigentlich alles, was sich aus der Situation ergab. Der Druck nahm in den folgenden Jahren dann allerdings weiter zu. 2023 war für viele Träger dann sowas wie ein Kipppunkt. Durch Inflation, Energiepreise, Tarifsteigerungen, Nachwirkungen der Pandemie und den Fachkräftemangel waren zahlreiche Einrichtungen in ihrer Existenz bedroht. So hätten einige ab Herbst 2023 keine regulären Angebote mehr durchführen können. Allen war klar: Wenn jetzt nichts passiert, stehen zahlreiche Angebote der Kinder- und Jugendarbeit vor dem Aus.

JOURNAL:  Und wie haben Sie dann auf diese sich zuspitzende finanzielle Situation reagiert?

Johannes Löschner: Wir haben ein zweigleisiges Vorgehen entwickelt. Einerseits gab es ja bereits das Wirken der AG Protest. Parallel dazu haben wir die „AG Jugendlobby“ ins Leben gerufen, ein strategisches Gremium mit geschäftsführenden und stimmberechtigten Personen aus Trägernetzwerken. Diese Personen konnten ohne Rücksprache politische Gespräche führen und Bündnisse schließen. Wir haben bewusst alle Register gezogen: Parteigespräche, Brandbriefe, Social-Media-Arbeit, Einbindung der Hochschule, Beratung durch externe Expert*innen – und vor allem sehr intensive Abstimmungen mit dem für uns zuständigen Jugend- und Sozialamt und Sozialdezernat. Wir haben viel Wert daraufgelegt, nicht alleinig als Störfaktor aufzutreten, sondern als konstruktive Stimme und Partner*in.

JOURNAL: Mit welchem Ergebnis?

Johannes Löschner: Im Herbst 2024 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, den Mittelverteiler um 5,6 Millionen Euro zu erhöhen – rund 3,5 Millionen davon für die offene Kinder- und Jugendarbeit freier Träger. Das war ein Durchbruch. Noch wichtiger dabei war aber: Es wurde eine Dynamisierung beschlossen. Das bedeutet: Ab 2024 steigen die Zuschüsse pro Einrichtung automatisch um 11,6 % gegenüber dem Vorjahr, künftig jährlich um drei 3 %. Das klingt technisch, bedeutet für uns aber Planungssicherheit. Natürlich ist damit nicht alles gelöst. Wir sprechen hier von der Rückkehr zum Regelbetrieb. ­ Die multiplen Problemlagen von Kindern und Jugend- lichen – Armut, psychische Belastungen, Gewalt, Bil­dungsbenachteiligung, Ganztagskooperation, Herausforderungen im digitalen Raum, Inklusion – sind damit noch lange nicht adressiert. Wir haben zehn Jahre auf Verschleiß gearbeitet. Jetzt stehen wir vor einem ausgelaugten Fachfeld. Aber jetzt haben wir immerhin erst einmal wieder Luft zum Atmen.

JOURNAL:  In anderen Städten scheitern solche Bündnisse an verschiedenen Herausforderungen bspw. auch der Konkurrenz unter den Trägern. Wie ist es Ihnen gelungen, solidarisch zu bleiben?

Johannes Löschner: Wir hatten zum Glück bereits eine solide Struktur. In Frankfurt gibt es eine gemeinsame AG §78 Kinder- und Jugendarbeit für die gesamte Stadt. Das erleichtert vieles. Und natürlich hat der gemeinsame Druck uns auch zusammengeschweißt. Die Entscheidung der Stadt, künftig ein einheitliches Finanzierungsmodell zu entwickeln, war ein weiterer Schritt zur Vergemeinschaftung. Damit entfällt die Möglichkeit, sich durch Einzelverhandlungen Vorteile zu sichern. Der Blick richtet sich stärker auf das Gemeinsame – auf die Bedarfe der jungen Menschen.

JOURNAL:  Was würden Sie anderen Städten empfehlen, die ähnliche Prozesse anstoßen wollen?

Johannes Löschner: Erstens: Vorbereitung. Lobbyarbeit funktioniert nicht (nur) spontan. Gespräche mit Verwaltung und Politik müssen gut vorbereitet und strategisch abgestimmt sein. Zweitens: Externe Beratung. Wir haben uns professionelle Unterstützung geholt – das war Gold wert. Drittens: persönliche Beziehungen. In vielen Gesprächen geht es nicht nur um Fachinhalte, sondern auch darum Vertrauen aufzubauen. Beziehungen, auch informeller Natur, waren meines Erachtens genauso entscheidend. Viertens: Selbstbewusstsein. Wir sind keine Bittsteller*innen, sondern Expert*innen für die Lebenswelten und Lebenslagen junger Menschen. Und fünftens: eine klare Kommunikation – weg vom Defizit-Narrativ hin zur Perspektive: Was braucht die Stadtgesellschaft?
Zudem haben wir uns auch intensiv mit unseren Protestformen auseinandergesetzt. Denn Demonstrationen bspw. sind in Deutschland nicht Teil der politischen Alltagskultur, sondern werden oft als störend empfunden. Deshalb war es uns so wichtig, mit den Dezernaten im Gespräch zu bleiben – nicht als Gegenpart, sondern als ernstzunehmende Partner*innen. Gleichzeitig ist uns natürlich bewusst: Ohne Öffentlichkeit und Druck bewegt sich oft nichts. Es war also immer ein Balanceakt. Am Ende hat uns die Kombination aus Protest und Dialog den Durchbruch ermöglicht.

JOURNAL:  Wie geht es jetzt weiter?

Johannes Löschner: Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Die Dynamisierung sichert wie gesagt den Regelbetrieb – aber mehr auch nicht. Unsere Aufgabe ist es, die gewonnene Handlungsfähigkeit strategisch zu nutzen – nicht nur zum Reagieren, sondern zum Gestalten.

JOURNAL: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Löschner.

Der Interviewte

Johannes Löschner leitet den Arbeitsbereich „Kinder- und Jugendarbeit, Jugendberatung und ­Migrationsdienste“ vom Evangelischen Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main e. V. und ist aktuell Vorsitzender der AG §78 Kinder- und Jugendarbeit in Frankfurt.