Neue Wege in der politischen Bildung
Thomas Gill, Heinz Stapf-Finé, Annette Wallentin (Hg.): Handbuch aufsuchende politische Bildung. Frankfurt/M. (Wochenschau Verlag) 2025, 220 S., 29 €
In der politischen Bildung wird wiederholt die Frage diskutiert, ob und wie man neue Zielgruppen, vor allem aus sogenannten bildungs- und politikfernen Schichten und Milieus erreichen kann. Es ist ein Dauerthema und bei einzelnen Trägern immer wieder mit Experimenten und Modellprojekten verbunden, genauso mit Versuchen neue Zugänge und Formate zu erproben. Der Sammelband steht in dieser Denk- und Experimentaltradition und zeigt vor allem, wie die Berliner Landeszentrale für politische Bildung die Diskussion im Rahmen eines Modellprojektes mit dem Namen „Gleiche politische Teilhabe“ konzeptionell aufnimmt und in sechs Berliner Quartiersmanagementgebieten erprobt.
Die Beiträge beziehen sich auf das Feld der politischen Erwachsenenbildung und gliedern sich in vier Teile. Zunächst werden in sechs Texten die „Grundlagen und Rahmenbedingungen aufsuchender politischer Bildung“ skizziert. Diese Beiträge sind durchweg informativ und greifen vor dem Hintergrund der Geschichte und Entwicklung der aufsuchenden politischen Erwachsenenbildung deren Ziele, Begründungen und Bedeutung systematisch auf. Sie thematisieren diese Grundlagen und Rahmenbedingungen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen grundlegend als „menschliches Konzept der Inklusion“ (16), als politische Bildung im lebensweltlichen Alltag sowie als Grundbildung bzw. grundlegende politische Bildung für alle. Weiter richtet sich der Blick auf die Überschneidungen mit Sozialer Arbeit, insbesondere mit Gemeinwesenarbeit und Sozialraumorientierung, sowie auf die jeweils konkreten Kooperationsbeziehungen. Institutionell und förderpolitisch geht es um die Reflexion neuer Formen im Rahmen von „Geh-Strukturen“ und neuen „möglichen Angebotsformen“ (33) der Bildungsarbeit.
In den beiden folgenden praxisorientierten Teilen werden Konzepte aufsuchender politischer Bildung, Vorgehensweisen und Gelingensbedingungen vorgestellt, darunter die Ansätze und die Auswertung der Berliner Projekte sowie die Erfahrungen aus vier weiteren Projekten. Leitend sind die Begriffe „aufsuchend“, „sozialräumlich“ und „communityorientiert“. Die partizipative Anlage in Berlin bestand darin, dass die Angebote „von den Trägern vor Ort“ (104) – etwa Selbsthilfegruppen, Migrant*innenvereine oder Urban-Gardening-Initiativen in den jeweiligen Stadtteilen – geplant und umgesetzt wurden, während die Landeszentrale diese in enger Kooperation fachlich beriet und qualifizierte. Die wissenschaftliche Begleitung sollte einen Wissenstransfer ermöglichen. Die jeweiligen Projektmerkmale, die gemeinsam definierten Themen und die Vielfalt der Formate werden eindrucksvoll beschrieben.
In den weiteren kürzeren Beiträgen werden Merkmale und Dimensionen der quartiersbezogenen politischen Bildung –…
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Der Rezensent
Benno Hafeneger, Dr. phil., Prof. (em.) für „Außerschulische Jugendbildung“ am Institut für Erziehungswissenschaft der Philipps-Universität Marburg.