Nationalistisch und doch global: Wie sich die Rechte international vernetzt
Überall auf der Welt gewinnen autoritäre und radikal rechte Akteure an Einfluss – häufig im Schulterschluss über nationale Grenzen hinweg. Was auf den ersten Blick paradox erscheint,
ist längst politische Realität: Eine global vernetzte Rechte formiert sich, obwohl sie sich ideologisch über Nationalismus definiert.
Wie lässt sich diese Entwicklung erklären, und was verrät sie über die Krise der liberalen Demokratie?
Die radikale Rechte ist seit einigen Jahren erstaunlich erfolgreich darin, sich auch über ideologische Differenzen hinweg international zu vernetzen und zu unterstützen. Auf Veranstaltungen wie der Conservative Political Action Conference (CPAC) vereinigen sich ultrakonservative Christen, libertäre Anarchokapitalisten, weiße Suprematisten, Nationalisten und Antifeministen aller Länder. Deutsche Politiker*innen der AfD schütteln die Hände brasilianischer Rechtsextremer. Viktor Orbán, Giorgia Meloni und Donald Trump springen Marine Le Pen bei, nachdem sie wegen Veruntreuung von EU-Geldern verurteilt wird. Elon Musk macht Wahlkampf für Alice Weidel, chilenische religiöse Rechtsextreme wie der zukünftige Präsident Antonio Kast orientieren sich am autoritären neoliberalen Präsidenten El Salvadors, Nayib Bukele. Nimmt die vom ehemaligen italienischen Premier Matteo Salvini schon 2018 geforderte „Internationale der Nationalisten“ also Form an?
Kritische Beobachter*innen reiben sich oft die Augen angesichts des zunehmend transnationalen Charakters der Rechten – stehen sie doch gerade für Anti-Universalismus, für Nationalismus vs. Internationalismus, „Identität“ vs. Globalität (oder „Globalismus“, wie sie sagen). Auch wenn sie sich gern als vereint im Kampf gegen Feminismus, Wokeness und Andere präsentieren: Die Bewegungen, Parteien, Protagonist*innen und Diskurse weisen untereinander bei genauerem Hinsehen oft zahlreiche gravierende ideologische und programmatische Differenzen und Interessengegensätze auf. Wieso gehen der christliche Konservatismus Viktor Orbáns und der nihilistische Ultrakapitalismus eines Elon Musk oder Javier Milei so harmonisch Hand in Hand? Und wie erst können wir uns das Verhältnis zwischen dem indischen Hindunationalismus und der nationalistischen und rassistischen „Make America Great Again“-Bewegung in den USA vorstellen? Und dennoch kooperieren sie zunehmend (vgl. Somayajula 2025)!
Allen Widersprüchen zum Trotz erleben wir derzeit auf globaler Ebene eine Expansion autoritär-populistischer Akteure und Netzwerke. Eng damit verbunden ist eine weltweite (anti-)demokratische Regression: ein Prozess autoritärer Entdemokratisierung, der mit einer aktiven, teils lustvollen Zerstörung demokratischer Rechte und Errungenschaften sowie mit Formen gesellschaftlicher Verrohung einhergeht.
Worin besteht der globale Charakter dieser Regression? Und wie erklärt sich diese Globalität? Transnationale rechte Netzwerke und Strukturen stehen oft im Mittelpunkt, wenn die…
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Der Autor
Dr. Börries Nehe koordiniert die International Research Group on Authoritarianism and Counterstrategies (IRGAC) an der Universität Potsdam. Er forscht zu Gewalt, Autoritarismus und Antifaschismus.