Mehrperspektivität und Pluralität historisch-politischer Bildung
Christina Schwarz, Alexander Leistner (Hg): Past – Present – Progressive. Praxisbuch zur DDR und Nachwendezeit in der außerschulischen Bildung. Weinheim und Basel (Beltz Juventa) 2024, 194 S., 25 €
Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung sind die Debatten über die Geschichte der DDR, die Bewertung ihres politischen Systems, die Relevanz der Akteur*innen der friedlichen Revolution sowie der lange und schwierige Weg der Transformation der Systeme von Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Bildung weiterhin aktuell und von kontroversen Perspektiven geprägt. Sie drehen sich nicht nur um historische Fakten und Einschätzungen, sondern auch um persönliche Erfahrungen – um enttäuschte Hoffnungen und Demütigungen –, die Anerkennung von Lebensleistungen, um Gerechtigkeit, um Identitäten und die Gestaltung einer Erinnerungskultur.
Diese Aspekte werden im vorliegenden Sammelband aufgegriffen, der aus dem Forschungsprojekt der Universität Leipzig „Soziologie der außerschulischen DDR-Geschichtsvermittlung“ des Forschungsverbunds „Das umstrittene Erbe von 1989“ hervorgegangen ist. Dieses Netzwerk stellte sich die Aufgabe, „die tiefe subjektive und kollektive Prägekraft der Ereignisse“ zu untersuchen und „nach ihrer Bedeutung für das Erinnern an ’89 sowie für Gegenwartsdeutungen und aktuelle politische Orientierungen“ (Selbstdarstellung des Forschungsverbunds) zu fragen. Im Zentrum des Teilprojekts stand die Auseinandersetzung mit erinnerungskulturellen Narrativen, Diskursen und Konflikten sowie die intensive (evaluative) Untersuchung der Vermittlungsarbeit in der außerschulischen historisch-politischen Bildung.
Die Publikation ist in fünf Kapitel gegliedert. Das erste Kapitel befasst sich mit konzeptionellen Texten zur historisch-politischen Bildung, das zweite beschäftigt sich mit widerstreitenden und teilweise enormen und überzogenen Erwartungen an die pädagogische Praxis und problematisiert deren normativen und moralischen Gehalt. Das dritte Kapitel nimmt Jugendliche als Adressat*innen und Ko-Produzent*innen pädagogischer Praxis in den Blick. Das vierte thematisiert blinde Flecken historisch-politischer Bildung und im fünften werden einige Perspektiven zur künftigen Beschäftigung mit der Thematik DDR-Geschichte und Transformation skizziert.
Die Erzählung von 1989 sei von einem liberalen und einem nationalen Narrativ geprägt, so die These von Jörg Ganzenmüller. Während das liberale Narrativ den Gewinn von Freiheit in der friedlichen Revolution und die Hoffnungen auf den Aufbau eines anderen politischen Systems betone, stelle das nationale auf die Aspekte der Grenzöffnung und der Einheit ab. Bereits sehr früh hätte sich die Gegenerzählung von der „verlorenen oder sogar der verratenen Revolution“ (17) ausgebildet, als Reaktion auf das schnelle Streben nach nationaler Einheit, das mögliche Alternativen zur Konsumgesellschaft des Westens…
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Der Rezensent
Klaus Waldmann ist Dipl. Pädagoge und als freiberuflicher Coach tätig. Er war viele Jahre in unterschiedlichen Funktionen in der politischen Jugendbildung aktiv.