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Lässt sich politische Bildung neu erfinden?

Ein Vorschlag für eine an Care orientierte Perspektive

Die Welt brennt und nichts wird getan – dies könnte ein kollektives Gefühl beschreiben, das viele Menschen teilen. Warum die Welt brennt, was da genau brennt und wer zu wenig tut oder ob überhaupt etwas getan werden kann, sind Fragen, die miteinander unvereinbare Antworten und Emotionen hervorrufen. Für die politische Bildung bedeutet dies in einem zunehmend fragmentierten Feld zu navigieren. Wenngleich Einigkeit besteht, was politische Bildung nicht ist (z. B. nicht neutral) und was sie nicht leisten kann (z. B. keinen „Feuerwehrdienst“), stellt sich die Frage: Wie kann politische Bildung jenseits verlässlicher demokratischer Strukturen gestaltet werden?



Was ist politische Bildung, wenn ihr Referenzpunkt verschwimmt, wenn die freiheitliche Demokratie an ihre Grenzen kommt? Die zunehmenden Herausforderungen, vor denen politische Bildung in einem solchen Szenario steht, führen dazu, dass politische Bildung ihre grundlegenden Narrative nicht nur justieren, sondern neu setzen muss. Als eine Möglichkeit dazu schlagen wir vor, in der politischen Bildung eine gesellschaftstheoretische Orientierung an Care einzunehmen. Ins Zentrum rückt damit die Organisation des menschlichen Miteinanders und ein demokratischer Blick auf Sorgepraxen. Care umfasst dabei mehr als Sorgearbeit. Der Begriff bezieht sich auf alle menschlichen Bedarfe, die stetig bestehen, denen nur im sozialen Miteinander nachgekommen werden kann und die in demokratischen Gesellschaften auch demokratisch organisiert sein sollten.


Katastrophendidaktik reloaded?

Gehen wir davon aus, dass die politischen Verhältnisse sich national wie international weiter in eine autokratische Richtung bewegen und politische Steuerung insgesamt (u. a. aufgrund veränderter planetarer Bedingungen) immer schwieriger und ineffizienter wird; geschieht das, was mit politischer Bildung verhindert werden sollte: Ein Teil der Menschen kehrt sich von der Demokratie ab – es droht eine demokratische „Katastrophe“.

Sicherlich hat politische Bildung Antworten auf Krisen. Im Festhalten an etwas, das „unhaltbar“ ist (Blühdorn 2024, siehe auch das Interview in diesem Heft), könnte sie jedoch zu einer „Katastrophendidaktik“ werden, die sich vor allem aus dem Appell speist, eine Verschlechterung abzuwenden, aber keine neuen Konzepte bereithält. Um Antworten darauf zu finden, wie sich politische Bildung in der „Katastrophe“ orientieren kann, versuchen wir zunächst, die Problemlage politischer Bildung besser zu verstehen und erkennen mehrere Problemdimensionen, die sich unter Bedingungen demokratischer Regression verschärfen.

Zunächst macht die zunehmende Komplexität politischer Verhältnisse – mit unklaren Mehrheiten, populistischen Störungen, rechter Agitation und einer wachsenden Interdependenz der Politikfelder – die Aufgabe, Politik…

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Die Autorin

Dr. Luisa Girnus ist Juniorprofessorin für Politikdidaktik mit Schwerpunkt auf Bildung für nachhaltige Entwicklung und Transformative Bildung an der Freien Universität Berlin. Sie arbeitet zu politikdidaktischen Perspektiven auf sozial-ökologische Transformation, sprachsensibler und geschlechtergerechte Bildung.

Die Autorin

Nina Goretzko ist wissenschaftliche ­Mitarbeiterin am Arbeitsschwerpunkt ­Politikdidaktik mit Schwerpunkt auf Bildung für nachhaltige Entwicklung und Transformative Bildung an der Freien Universität Berlin. Sie arbeitet zu Perspektiven der politischen Bildung und Demokratiebildung im Zusammenhang mit Inklusion, Bildungsgerechtigkeit und Bildung für nachhaltige Entwicklung.