Kuratieren mit Vielen – transgenerationell und demokratiebildend
Partizipative Museumsarbeit
im Historischen Museum Frankfurt
Beim Kuratieren mit Vielen geht es nicht nur darum, mit Bürger*innen eine Ausstellung auf die Beine zu stellen. Bei der partizipativen Museumsarbeit spielt auch der Entstehungsprozess eine wichtige Rolle, der sorgsam organisiert und moderiert werden muss. In diesem Artikel werden mit dem Stadtlabor und der Bibliothek der Generationen zwei partizipative Projekte vorgestellt.
Das Historische Museum Frankfurt (HMF) gehört zu den Pionieren der partizipativen Museumsarbeit im deutschsprachigen Raum. In seiner viel diskutierten Neukonzeption 1972 folgte es dem Anspruch, „ein Museum der demokratischen Gesellschaft“ (Stubenvoll 1972: 11) zu sein, was sich u. a. in der Repräsentation und Teilhabe der gesamten Stadtbevölkerung ausdrücken sollte. Der Fokus damals lag auf der Geschichte marginalisierter Gruppen, allen voran Arbeiter*innen und Frauen. Das HMF sah sich „als eine Institution des städtischen Bildungswesens“, das lehrende, vermittelnde und aufklärende Arbeit leisten sollte, um einer breiteren Öffentlichkeit Zugang zum Museum und seinen Bildungsangeboten zu ermöglichen (vgl. Stubenvoll 1972: 11 f.).
In diesem Zusammenhang wurde auch das Kindermuseum im HMF gegründet, die erste Einrichtung in Deutschland, die sich dezidiert an Kinder richtete. Ein weiteres Beispiel für diese bildungspolitische Haltung ist die Ausstellung „Frauenalltag und Frauenbewegung“, die 1980 als Teil der Dauerausstellung des Historischen Museums (HMF) eröffnet wurde. In Zusammenarbeit mit aktivistischen Frauen aus Frankfurt wurde sie mehrfach verändert. Als sie 1983 im Zuge einer konservativen Wende der städtischen Kulturpolitik nach einem Leitungswechsel geschlossen wurde, gab es starke Gegenwehr aus der Zivilgesellschaft.
Den damaligen partizipativen Ausstellungsprojekten lagen drei Prinzipien zugrunde:
„(1) ein Verständnis von Demokratie, nicht als politische Mitbestimmung, sondern als egalitäres Prinzip, das […] alle „Betroffenen“ unterschiedlicher gesellschaftlicher Machtverhältnisse meint;
(2) die Teilhabe an Kultur und Geschichte für alle in der Stadt, die sich insbesondere in einer Kultur und Geschichte „von unten“ ausdrückt […]
(3) eine Infragestellung der Deutungshoheit der Geschichtswissenschaft, die der vermeintlich objektiven „Herrschaftsgeschichte“ Erfahrungswissen und subjektive Erzählungen von Geschichte gegenüberstellt und damit Leerstellen in der bislang offiziellen Geschichtsschreibung der Stadt zu schließen versucht.“ (Klotz 2025: 27)
2009 begannen die Planungen für eine weitere Neukonzeption des HMF. Das Museumsteam nahm mit dem Konzept der „partizipativen Museumsarbeit“ einige dieser Prinzipien wieder auf. Die Impulse gingen von der Kulturvermittlung aus, v. a. vom Kindermuseum (heute Junges Museum), das langjährige Erfahrungen mit partizipativer Arbeit…
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Die Autorin
Dr. Angela Jannelli ist seit 2010 Kuratorin für partizipative Museumsarbeit am Historischen Museum Frankfurt (HMF). Sie studierte Germanistik, Romanistik und Kulturanthropologie in Tübingen, Aix-en-Provence und Hamburg. 2012 wurde sie mit „Wilde Museen. Zur Museologie des Amateurmuseums“ am Fachbereich Kulturanthropologie der Universität Hamburg promoviert.
Der Autor
Gottfried Kößler hat Geschichte, Deutsch, Politologie in Marburg studiert. Er war Gymnasiallehrer für Deutsch, Geschichte und Gemeinschaftskunde. Seit 1992 bis zur Pensionierung 2019 war er pädagogischer Mitarbeiter und Kurator am Fritz Bauer Institut und am Jüdischen Museum Frankfurt. Seit 2007 war er stellvertretender Direktor des Fritz Bauer Instituts. Am HMF war er als Ko-Kurator an mehreren Stadtlabor-Projekten beteiligt.