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Gesellschaftsdiagnosen im Wandel

Im Gespräch mit Fabian Virchow über Konfliktlinien, Demokratisierungsprozesse und autoritäre Verschiebungen seit den 1970er Jahren



JOURNAL: Wenn Sie auf den Beginn Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn zurückschauen: Welche gesellschaftlichen Konflikte und Diagnosen sind Ihnen damals begegnet, was hat Ihre Ausrichtung geprägt? Und wie unterscheiden sich diese frühen Debatten von heutigen? Was hat sich verändert?


Virchow: Wenn ich zurückschaue, erinnere ich mich an verschiedene Gesellschaftsdiagnosen, die damals sehr prominent waren. Ein zentraler Begriff war sicherlich die Risikogesellschaft. Ich denke auch an zwei Sammelbände, die unterschiedliche Diagnosen im historischen Verlauf der Soziologie versammelten. Solche Diagnosen fand ich durchaus spannend. Gleichzeitig habe ich mich immer schwer damit getan, gesellschaftliche Entwicklungen auf einen einzigen Begriff zu bringen und daraus eine umfassende Diagnose oder gar Prognose für die gesamte Gesellschaft abzuleiten. Das lag sicher auch daran, dass ich selbst eher empirisch und vergleichsweise kleinteilig gearbeitet habe. Ich hatte nicht den Anspruch, eine große Diagnose zu formulieren, die gesell­schaftliche Entwicklungen auf den Punkt bringt. Inzwischen würde ich sagen, dass ich stärker versuche, einen umfassenden Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen zu richten, aller­dings weniger im Sinne einer großen Synthese, sondern ausgehend von der Frage: Wie bedroht ist Demokratie eigentlich, und das im umfassenden Sinne?

Aktuelle Bedrohungen werden heute ja mit sehr unterschiedlichen Begriffen gefasst: Rechtspopulismus, autoritärer Nationalismus, demokratischer Faschismus – es gibt derzeit viele Vorschläge. Das zeigt auch, dass wir weiterhin versuchen, bestimmte Entwicklungen begrifflich zu bündeln. Damit sind wir eigentlich wieder im Feld jener Gesellschaftsdiagnostik, gegenüber der ich früher skeptisch war. Ganz los wird man das offenbar nicht.


JOURNAL: Sie haben verschiedene Begriffe genannt, die aktuell den Diskurs prägen. Wenn Sie den Blick auf Ihre wissenschaftliche Biografie richten: Wie unterscheiden sich die heutigen Debatten über die sogenannte Krise der Demokratie von früheren Diskussionen? Wie hat sich der Diskurs verschoben?

Virchow: Ich würde sagen, dass früher lange Zeit kaum ernsthaft von einer grundlegenden Gefährdung der Demokratie gesprochen wurde. Natürlich gab es Ereignisse und Entwicklungen sowohl in der alten Bundesrepublik als auch später in der vereinigten Bundesrepublik, die Anlass zur Sorge gaben. Aber eine breite Debatte darüber, dass die Demokratie in ihren Grundlagen bedroht ist, ist ein vergleichsweise junges Phänomen.

Gleichzeitig ist diese Debatte verengt, weil sie hegemonial vor allem die Bedrohung der Demokratie von rechts thematisiert. Das ist zweifellos eine reale Gefahr. Aber dabei geraten andere Demokratiedefizite aus dem Blick, die…

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Der Interviewte

Prof. Dr. Fabian Virchow ist ein deutscher Sozialwissenschaftler, geb. 1960, der seit vielen Jahrzehnten zur kritischen Forschung zu Rechtsextremismus, Rassismus und politischen ­Bewegungen beiträgt. Seit 2010 hat er an der Hochschule Düsseldorf die ­Professur für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Theorien der ­Gesellschaft und politischen Handelns. Zu seinen Kernkompetenzen gehören Deradikalisierung, Neonazismus, Radikalisierung, Rassismus und Rassismus­kritik, Rechtsextremismus, Politische Bildung, Protestforschung und Soziale ­Bewegungen. Als Leiter des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus/Neonazismus hat er maßgeblich dazu beigetragen, Forschung und Praxis enger zu verzahnen und wissenschaftlich fundierte Handlungsoptionen für Politik, ­Pädagogik und Zivilgesellschaft bereitzustellen.