Beutelsbacher Konsens
Die Legende hat 2026/2027 Geburtstag
Unter dem Titel „Das Konsensproblem in der politischen Bildung“ lud die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg im November 1976 zu einer Tagung nach Beutelsbach ein. Nahe Stuttgart in den Weinbergen des sich öffnenden Remstals lag ein Landgasthof, der dem neuen Direktor der Landeszentrale, Siegfried Schiele, geeignet erschien, den Streit über die Rolle und das Selbstverständnis der noch relativ jungen Politischen Bildung gemeinschaftlich und produktiv zu befrieden. Ein Jahr später erschien dann unter dem gleichen Titel eine von ihm und Herbert Schneider, Professor an der PH Heidelberg, herausgegebener Tagungsband. Darin findet sich auch der Aufsatz eines Mitarbeiters der Landeszentrale, Hans-Georg Wehling, mit der Überschrift „Konsens à la Beutelsbach“, der einen bis heute anhaltenden Mythos der Politischen Bildung begründete.
Denn aus dieser Keimzelle ist das später als „Beutelsbacher Konsens“ bezeichnete Leitbild der Politischen Bildung entstanden, welches nach 50 Jahren mehr denn je zum Kernbestand und zum Selbstverständnis der Politischen Bildung in Deutschland gehört. Wehlings Aufsatz, den er aus der Beobachtung und seinen Notizen dieser Tagung generierte, enthält bereits die drei heute viel zitierten didaktischen „Grundprinzipien der Politischen Bildung“ oder, wie Wehling es damals auch schon nannte, einen „Minimalkonsens“ über Ziele und Aufgaben der politischen Bildung (Wehling 2016: 23). Über diese subjektive Zusammenfassung hinaus gab es bei der Tagung aber keineswegs eine abgestimmte Vereinbarung im Sinne einer Stellungnahme oder gar einer Resolution zwischen den sechs geladenen Wissenschaftlern Rolf Schmiederer, Kurt Gerhard Fischer, Dieter Grosser, Bernhard Sutor, Klaus Hornung und Hermann Giesecke.
Siegfried Schiele, der den Beutelsbacher Konsens über Jahre, auch über sein Ausscheiden aus der Landeszentrale 2004 hinaus, geschickt vermarktet hat (vgl. Buchstein u. a. 2016), sprach später gerne von einer „formlosen Übereinkunft“, was im Lichte der bis weit in die 1980er-Jahre hinein anhaltend geführten kontroversen Debatten über Politischen Bildung etwas beschönigend klingt. Die drei Beutelsbacher „Grundsätze“, auch diese Bezeichnung findet sich bereits 1977, gehören heute tatsächlich zur „DNA der Politischen Bildung“. So und mit anderen hier wahllos aneinander gereihten Superlativen wurde der Konsens bei einer Tagung der Landeszentrale zum 50-jährigen Jubiläum im März 2026 in Bad Urach beschrieben: Goldenes Kalb, Monstranz, Fetisch, säkulare Religion, Teil eines pädagogischen Anerkennungskonzepts. Es gab aber auch nachdenkliche Beschreibungen wie Kampfbegriff, Neutralitätsfalle oder Pleonasmus. Und aus der umfangreichen, kaum noch überschaubaren Literatur zum Beutelsbacher Konsens sollen hier – ganz gewiss ohne Anspruch auf Vollständigkeit – auch die Beschreibungen des Konsenses als „Grundgesetz der…
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Der Autor
Benedikt Widmaier war bis 2022 Direktor der Akademie für politische Bildung „Haus am Maiberg“ in Heppenheim. Er engagiert sich als Vorsitzender des hessisches Landesverbands sowie im Bundesvorstand der Deutschen Vereinigung für politische Bildung (DVPB) und ist Mitglied der Journal-Redaktion.